Die „Katakomben“ der Parkvilla

Fotos: Carsten Frahm, Sammlung Eichelberg

Als der VfB Kiel seine Umkleidekabinen unterhalb des Fußballplatzes hatte

Die unterirdischen Abstellräume der Parkvilla an der Waldwiese dienten früher den Fußballern des VfB Kiel als provisorische Bleibe, heute treffen wir dort Fledermäuse. Hartmut Eichelberg, Eigentümer des Anwesens, nimmt KIEL LOKAL mit auf Besichtigungstour.

Es ist ein sonniger Dienstagvormittag, an dem wir das Gelände der Parkvilla von der Hamburger Chaussee aus betreten. Hartmut Eichelberg, Sohn des letzten Betreibers des Etablissements Waldwiese und groß geworden in dem zum Ende des Zweiten Weltkriegs erbauten Haus, begrüßt uns etwas überrascht. Er dachte, wir kämen von der anderen Seite: vom Vieburger Gehölz.
Wir setzen uns unter den Pavillon auf der Terrasse – mit Aussicht auf den Waldwiesensee. Herr Eichelberg zeigt zuerst einige Schätze aus seinem Archiv, die er extra für unseren Besuch hervorgeholt hat: das Eröffnungsplakat des nach dem Krieg gegründeten Tanzlokals „Fledermaus“ im Keller der Waldwiese, die väterliche Urkunde zur Anmeldung des ersten Gewerbes und schließlich noch ein Foto aus den frühen 1950er-Jahren.
Das Bild entstand beim Ausbaggern des Waldwiesensees, als die Sedimente mithilfe einer Lore abtransportiert wurden. Doch für unsere Geschichte viel interessanter ist die links zu sehende Rückseite des angrenzenden Waldwiesenstadions. Hinter dieser Mauer befand sich einst ein 50 Meter langer Schießstand, neben dem es nach dem Krieg auch übergangsweise vom VfB Kiel genutzte Umkleideräume gab.
Hartmut Eichelberg erinnert sich, denn der Zugang lag damals auf Höhe der Mittellinie und führte über das Grundstück der Familie. „Die ganze Truppe lief dann immer hier runter“, erzählt er und zeigt mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Tennisplätze. Die erhöhten Plätze entstanden nach seinen Worten in den 50er-Jahren, als hier wochenlang Bunkerschutt abgeladen wurde, wo bereits der besagte Schlamm aus dem See hingekommen ist.
Zurück zum Umkleideraum: Auch der wurde zugeschüttet, genauso wie der Schießstand. Wann genau und wie dies genau vonstattenging, lässt sich bei diesem Besuch nicht wirklich feststellen.
Als das alte Vereinsheim im Zuge von Neubauplänen im Dezember 1981 abgerissen wurde, stand der VfB Kiel ohne Umkleidekabinen da. Da kam der Verein auf Familie Eichelberg zu und erbat Unterstützung. Beide Parteien kamen überein, die unterhalb des Fußballplatzes liegenden Kellerräume für diesen Zweck zu nutzen.
„Ich hol mal eben eine Lampe“, sagt Hartmut Eichelberg und erscheint mit einen Baustrahler. Der Eingang ist als rechteckiges schwarzes Loch im überwuchernden Efeu zu erkennen, durch das wir jetzt eintreten. Der Baustrahler eröffnet den Blick auf zwei direkt miteinander verbundene Kellerräume. „Einer für die Heim- und einer für die Auswärtsmannschaft“, merkt Eichelberg an. Eine Holztreppe führte vom Sportplatz hinunter zu den Kabinen, wie Dr. Sieghart Schwartz, Ehrenvorsitzender des VfB Kiel, auf spätere Nachfrage berichtet.
Heute werden die Kellerräume lediglich als Abstellräume genutzt. Etwa für Fahrräder, Rasenmäher, Leitern und Gartenschlauch. In beiden Räumen ist zudem eine geraume Menge an Bauschutt aufgehäuft, dessen Herkunft selbst dem Eigentümer schleierhaft ist. „Wir nennen das hier unsere Katakomben“, sagt er – eine durchaus passende Bezeichnung. Das Efeu schlägt seine Wurzeln durch die Mauern, ausgebühte Salze aus dem Beton hängen an der Decke und zum Teil sind die Wände verspakt, sodass die „Katakomben“ der Parkvilla wirklich wie ein altes unterirdisches Gemäuer wirken. Passend dazu schlummern ein paar Fledermäuse unter einer Plastikfolie.
Das „Fledermausquartier“ liegt am Rande des Spielfeldes, ungefähr unterhalb der Eckfahne, die an Eichelbergs Grundstück angrenzt. Fotos der Räume als damalige Umkleidekabinen gibt es leider nicht.
Nach einigen Minuten „unter Tage“ wirkt der Ausgang wie ein Tor in eine andere sonnige Welt. Beim Hinausgehen wird ein-, zweimal geblinzelt. Von außen wirkt die Lücke im Efeudickicht wieder recht unscheinbar, aber mit dem Wissen, was sich dahinter verbirgt, bleibt sie doch im Gedächtnis.JK