Brieftaubenzucht in Flintbek: Torsten Röstel lebt seine Leidenschaft

Brieftaubenzucht in Flintbek: Torsten Röstel lebt seine Leidenschaft für gefiederte Heimkehrer
Der langjährige Brieftaubenzüchter Torsten Röstel vor einem seiner Taubenschläge. Insgesamt hat er rund 100 Tauben. Fotos: Thomas Praefcke

Wenn Torsten Röstel morgens die Schieber des Ausfluges seines Taubenschlags öffnet, blickt er in ein Meer wachsamer, vertrauter Augen. Ein leises, rhythmisches Gurren erfüllt den Raum. Der 59-Jährige aus Flintbek ist seit seiner frühen Jugend leidenschaftlicher Brieftaubenzüchter.

Rund 100 Tauben nennt er sein Eigen. Für ihn sind sie keine bloßen Vögel, sondern Familienmitglieder, Hochleistungssportler und ein lebendiges Mysterium. Brieftauben nutzen das Magnetfeld der Erde, den Sonnenstand, Infraschall, Gerüche und vertraute Landmarken, um den Weg zu finden. „Die Faszination lässt dich nicht mehr los“, sagt Röstel und streicht einer aschgrauen Täubin sanft über das Gefieder. „Du steckst Monate an Arbeit in diese Tiere, und am Ende fliegen sie Hunderte Kilometer – angetrieben nur von einer einzigen Kraft: dem Heimweh.“

Vom ersten Ausflug zum Leistungssportler

Im Alter von etwa einem Monat erkunden die Jungtauben vorsichtig die nähere Umgebung des Taubenschlags. Sobald sie nach einigen Wochen flugsicher sind, bieten sie ein beeindruckendes Schauspiel: Sie kreisen in einem dichten, dynamischen Schwarm am Himmel. „Die Vögel ändern in Bruchteilen einer Sekunde gemeinsam die Richtung“, beschreibt der Züchter das Phänomen. „Das zeigt die perfekte Harmonie der Gruppe und verdeutlicht ihre enorme athletische Leistungsfähigkeit.“ Ab dem dritten oder vierten Monat bringt Röstel sie schrittweise an immer weiter entfernte Orte, beginnend bei einem Kilometer bis hin zu 50 Kilometern, um ihren Heimkehrinstinkt gezielt zu schulen. Bereits ab dem fünften Lebensmonat bestreiten die Vögel ihre ersten offiziellen Vor- und Wettflüge, bei denen sie Strecken von bis zu 200 Kilometern meistern. Als erfahrene Alttauben absolvieren sie im Folgejahr bis zu zwölf Wettflüge, bei denen sie Strecken von maximal 650 Kilometern bewältigen. Gut trainierte Vögel fliegen diese enorme Distanz in rund sieben Stunden, ohne eine Pause einzulegen.

Brieftauben auf Dach von ihrem Schlag

Aus Polen zurück nach Flintbek

Bei den Wettflügen entscheiden Schnelligkeit, Ausdauer und ein exzellenter Orientierungssinn. Eine permanent hochwertige und an die Jahreszeit angepasste Ernährung sichert dabei die langfristige Fitness. Am kommenden Wettflug nehmen rund 60 Tauben von Torsten Röstel teil. Erste Station ist die Einsatzstelle in Bordesholm, wo sie registriert werden. Von dort aus reisen sie gemeinsam mit bis zu 2.000 Artgenossen in einem klimatisierten Spezial-Lastkraftwagen (Kabinenexpress) über Nacht zum Startpunkt, der meist nahe oder sogar tief in Polen liegt.
Das Wohl der Tiere steht dabei an erster Stelle. Ein Flugleiter prüft penibel die Wetterdaten der gesamten Heimflugroute in Richtung Schleswig-Holstein. Bei starkem Gegenwind wird die Strecke verkürzt, bei Schlechtwetter sind Startverschiebungen oder sogar Absagen möglich.
Nach der Startfreigabe öffnen sich alle Klappen des Lastwagens zeitgleich per Knopfdruck. Die Tauben steigen als riesige Wolke in den Himmel, drehen einige Orientierungsrunden und ziehen auf direktem Weg heimwärts. Zu Hause wartet der Züchter gespannt. Obwohl die Zahl der Greifvögel zunimmt, kehren fast ausnahmslos alle Schützlinge von Röstel unversehrt zurück, und der Stolz ist groß, wenn sie es wieder auf die vorderen Plätze schaffen.

Start als Taubenzüchter

Die Taubenzucht ist ein faszinierendes Hobby, das ein hohes Maß an Verantwortung und täglicher Fürsorge erfordert. Noch vor dem Bau des Taubenschlags und dem Kauf des ersten Vogels ist fundiertes Fachwissen zwingend erforderlich. Auch rechtliche Vorgaben sind zu beachten. Dazu gehört die Anmeldung beim Veterinäramt „Viehhaltung anzeigen“ (einmalig 15 Euro) sowie bei der Tierseuchenkasse (jährlich rund 15 Euro). Sie haben Fragen zum Einstieg oder zur artgerechten Haltung? Experte Torsten Röstel gibt Interessierten am Telefon unter 04347/ 4291 gern Auskunft. TP