Kleingärten auf ehemaliger Mülldeponie: Neelsen-Koppel I

Kleingärten auf Mülldeponie: Diese unscheinbare Wiese liegt auf dem heute toxisch schwer belasteten ehemaligen Betriebsgelände Neelsen und ist für jegliche Nutzung nicht mehr geeignet.
Diese unscheinbare Wiese liegt auf dem heute toxisch schwer belasteten ehemaligen Betriebsgelände Neelsen und ist für jegliche Nutzung nicht mehr geeignet. Fotos: Jens Uwe Mollenhauer

In der Juli-Ausgabe berichtete KIEL LOKAL über die Geschichte des aufgegebenen Kleingartengebiets „Baumwegkoppel“, unter dem eine gesundheitsgefährdende Mülldeponie schlummert.

Nach einer jahrzehntelangen Politik von Vernebelung und Beschwichtigung musste letztlich die Notbremse gezogen werden. 2021 kam das Aus. Seither ist das Gelände sich selbst überlassen.
Die Baumwegkoppel ist kein Einzelfall, auch kein extremer Ausreißer. Die Anlage von Kleingärten über Mülldeponien hat System. Wie ein internes Schreiben des Umweltschutzamtes von 2014 ausweist, gibt es mindestens noch mehr als zehn ähnlich gelagerte Altlastprobleme in Kiel.

Vom Wiesengelände zur Mülldeponie

Wie langsam die Mühlen mahlen, wird auch aus der „Geschichte“ der Neelsen-Koppel ersichtlich:
Ältere wissen, dass das früher „Moorwiese“ genannte Gebiet zwischen Rendsburger Landstraße, Struckdieksau und Moorwiesengraben einst eine Wiese war, wo wir heute aber einen bis zu acht Meter hohen völlig zugewachsenen und weglosen Hügel vorfinden. Auf dem Gelände hinter dieser Anhöhe wirtschaftete das Müllunternehmen Neelsen – den Älteren bekannt als „Schiet-Neelsen“.
Was mag der Hügel enthalten? Hier befand sich eine Müllverbrennungsanlage – keineswegs vergleichbar mit der heutigen Hightechanlage am Theodor-Heuss-Ring, sondern eigentlich nur dazu da, die Müllmenge zu reduzieren, denn der Füllstand der vorhandenen Deponien ließ damals schon erahnen: Die hemmungslose Müllproduktion der Wirtschaftswunderjahre kommt an ihre Grenzen.
Nur war seinerzeit von Filtertechnik noch nicht die Rede. Und so blies der Schornstein ziemlich viel Unappetitliches und Giftiges dorthin, wo es der Wind hintrieb – meist nach Hassee und Gaarden. Was von der Verbrennung übrig blieb, wurde noch lange und gerne für Aschenbahnen und als Wegbelag in Kleingärten verwendet.

Schadstoffe und erste Warnungen

Allerdings wurde schon in den 70er-Jahren ruchbar, dass die hier verwendeten Stoffe nun gar nicht für den Kontakt mit Menschen geeignet sind. Sie enthalten in hohen Konzentrationen Dioxin, Arsen und Quecksilber und sind daher klar gesundheitsgefährdend und krebserregend. Ein beträchtlicher Teil derartiger Asche dürfte in dem Müllberg neben der alten Müllverbrennung lagern. Auch damals wurde das gemacht, was am einfachsten war: ex und hopp!
Bekannt ist, dass das Unternehmen Neelsen in die Insolvenz ging und dann herauskam, dass mit erheblicher krimineller Energie auch große angrenzende Flächen jenseits des Moorwiesengrabens illegal mit Müll und Gift zugekippt und verseucht worden waren. Die Struckdieksau verläuft heute 200 Meter abweichend vom ursprünglichen Lauf – jetzt um den Müllberg herum.
Der Müll wurde nicht weggebracht, sondern notdürftig mit einer nur etwa zehn Zentimeter dünnen Erdschicht abgedeckt. Darüber entstand das Kleingartengebiet, das heute bezeichnenderweise Neelsen-Koppel I heißt. Schon früh wunderten sich die Kleingärtner, dass der Maulwurf regelmäßig Müll an die Oberfläche schaufelte. Sie brachten das auch zur Sprache. Im Anschluss erlebten die Kleingärtner einen beinahe 50 Jahre währenden Skandal aus Schweigen, Beschwichtigung und Vertuschung.

Jahrzehnte des Schweigens

Die Stadtverwaltung war stets im Bilde. 1985 senkte das Liegenschaftsamt den Pachtzins, weil das Gelände auf einer Hausmülldeponie liegt und entsprechend viel Dreck an die Oberfläche kommt. Die Angelegenheit wird erstmals beim Kreisverband der Kleingärtner aktenkundig. Die Rede ist von erheblichen Mengen an Glasbestandteilen, aber nicht von Gift im Boden. Das wird verschwiegen – obwohl die Universität Kiel bereits zwei Jahre zuvor bedenkliche Schadstoffwerte gemessen hat. Letzteres wird erst sechs Jahre später vom Umweltschutzamt zugegeben. Nun kündigt die Stadt Kiel an, das Gelände auf Schwermetalle untersuchen zu wollen. Fünf weitere Jahre verstreichen ungenutzt – eine Vorgehensweise in unerträglicher Zeitlupe.

Gutachten blieb unter Verschluss

Im Jahre 1996 kommt erstmals Bewegung in die Sache: Eine Parzelle ist offensichtlich so nah am Müll, dass Liegenschaftsamt und Gesundheitsamt anraten, nichts mehr aus dem Garten zu verzehren. Einen Monat später lag ein Gutachten vom Geologischen Büro ALKO vor. Dieses rät dringend an, die gärtnerische Nutzung in vier Parzellen ganz zu beenden, andernfalls das Gelände umfassend zu sanieren. Das passierte nicht. Vorsichtshalber wird die alarmierende Studie den Kleingärtnern gar nicht erst gezeigt. Stattdessen ergeht an die Pächter von drei weiteren Parzellen der Rat, kein Obst und Gemüse mehr aus dem Kleingarten zu verzehren.
Im Folgejahr gibt es vom Liegenschaftsamt Entwarnung für alle übrigen genutzten Parzellen. Die zuvor diskutierten Parzellen werden gar nicht mehr erwähnt! Hauptanliegen der Stadtverwaltung ist sowieso nur: Der Pachtzins muss gesenkt werden, und niemand soll sein Obst verkaufen, da sonst vielleicht jemand die Stadt auf Schadensersatz verklagen könnte.
Der Kleingärtnerverein ist arg- und ahnungslos und begrüßt das Gartenjahr 1998 mit Bratwurst und Punsch. Auf Neelsen I soll lediglich eine unbedeutende Parzelle eingezäunt werden. Alles so weit im Lot.

Späte Konsequenzen für die Kleingärtner

Die nächsten 19 Jahre wirtschaften die Kleingärtner halbwegs beruhigt auf ihren Parzellen – mit den genannten halbherzigen Verzehr-Einschränkungen. Dann platzt die Bombe: Der Kleingartenverein hat Wind von der mehr als zwei Jahrzehnte unterdrückten Studie bekommen. Auch da musste die Stadt erst zur Jagd getragen werden. Eigentlich sollte nicht mehr tiefer gegraben werden, da angeblich kein hinreichender Verdacht auf eine Gefahr bestand. Das konnten die Kleingärtner der Verwaltung ausreden. Einigen der damals Beteiligten war es wichtig, den Ball möglichst flach zu halten, was die Information der Öffentlichkeit betraf. Es kann angenommen werden, dass der Norddeutsche Rundfunk Interesse gehabt hätte, wäre er nicht bewusst herausgehalten worden.
Wieder gingen vier Monate ins Land, bis das Versprechen weiterzubohren eingelöst wurde. Dann ging es plötzlich ganz schnell. Alle verseuchten Parzellen mussten im Jahr 2018 sofort aufgegeben und zum Schutz der Menschen mit einem schweren Metallzaun vom übrigen Kleingartengelände abgetrennt werden.

Kleingärten auf Mülldeponie: Ein massiver Zaun schützt die Menschen heute vor der Umwelt. Noch vor gut acht Jahren gärtnerten Familien auf diesen Parzellen arglos auf hoch vergiftetem Gartenland, obwohl der Stadtverwaltung die Gefahr seit über 30 Jahren bekannt war.
Ein massiver Zaun schützt die Menschen heute vor der Umwelt. Noch vor gut acht Jahren gärtnerten Familien auf diesen Parzellen arglos auf hoch vergiftetem Gartenland, obwohl der Stadtverwaltung die Gefahr seit über 30 Jahren bekannt war.

Die Folgen bis heute

Dieses Gebiet ist nun sich selbst überlassen. Im Sommer 2026 blicken wir hinter dem Metallzaun auf eine schier endlose Wildwiese – sanft und unschuldig wiegt sich im Wind die Goldrute, in der Sprache der Umweltingenieure auch „Deponieblume“ genannt.
Als wäre es nicht schon tragisch genug, dass die Menschen hier über Jahrzehnte hingehalten wurden, gibt es auch noch aus fast jeder der verseuchten Parzellen ein bis zwei Krebsfälle mit teilweise ungewöhnlichen Krebsarten und Todesfällen zu beklagen. JM