
Wer am Hedenholz 22 vorbeikommt, entdeckt vor einer Einfahrt ein schwarzes Archivregal auf Rädern. Die weiße Aufschrift „Take a look, take a book“ verrät, worum es geht: Hier können Sie kostenlos Bücher mitnehmen oder eigene hineinstellen – ganz ohne Anmeldung oder sonstige Einschränkungen.
Beim Ausmisten des Hauses seiner Eltern stieß Timo Ibsen auf zahlreiche besondere Bücher. Sie wurden zum letzten Puzzlestück, das noch fehlte, um seine Idee vor rund einem Jahr in die Tat umzusetzen. Für den 54-jährigen Archäologen haben Bücher bis heute eine große Bedeutung. Doch nicht nur deshalb entschied er sich, in seiner Nachbarschaft eine offene Bibliothek einzurichten.
Eine Idee für die Nachbarschaft
Sein Bruder hatte bereits in den 1990er-Jahren in Darmstadt eine Bücherkiste errichtet – eine der ersten ihrer Art in Deutschland. „Eine schöne Sache, auch für unsere Nachbarschaft hier“, dachte sich der in Hassee lebende Ibsen. „Mir war es wichtig, etwas für die Menschen zu machen – in Form eines niedrigschwelligen und kostenfreien Zugangs zu Büchern.“ Für ihn stehe der soziale Aspekt im Mittelpunkt. Gerade heute sei es wichtig, Begegnungen zu schaffen und den Austausch zwischen Menschen zu fördern.
Kostenlos lesen und Bücher tauschen
Das Konzept sprach sich schnell herum. Schon nach kurzer Zeit kamen die ersten Besucher vorbei. „Anfangs kamen sie aus der Nachbarschaft, nahmen sich eines der Bücher heraus oder tauschten es gegen ein eigenes aus. Es war viel Bewegung zu sehen“, schildert Ibsen.
Inzwischen finden auch Menschen aus entfernteren Gegenden den Weg nach Hassee. „Manche kommen extra mit dem Fahrrad hierher, um einen Blick in das Regal zu werfen“, erzählt er. Das Feedback sei durchweg positiv. Viele hätten ihn bereits auf die Bücherkiste angesprochen und seine Idee gelobt. Täglich schaut er nach und entdeckt dabei fünf bis sechs neue Bücher.
Vom Krimi bis zum Hörbuch
Insgesamt finden rund 120 Bücher in dem Archivregal Platz. Von Krimis über Romane bis hin zu Sachbüchern ist alles vertreten. Auch CDs und Hörbücher finden sich in der Bücherkiste. „Das Angebot ist querbeet. Hier findet jeder etwas.“
Ibsen hat die Entwicklung der Digitalisierung miterlebt – vom Internet über das erste Smartphone bis hin zum Aufkommen von E-Books. Für ihn haben gedruckte Bücher dennoch nichts von ihrer Besonderheit verloren. „Ein Buch kann man einfach in die Tasche stecken, jederzeit herausholen und loslesen“, sagt er schmunzelnd.
Mit der Bücherkiste wolle er seinen Beitrag dazu leisten, dass Menschen wieder häufiger zu einem Buch greifen. Deshalb setze er bewusst auf ein niedrigschwelliges Angebot – einfach, unkompliziert und vor allem kostenlos. Denn auch der Gedanke des freien Zugangs präge seine Arbeit. „Nicht jeder kann es sich leisten, eine Vielzahl von Büchern zu Hause zu haben oder E-Books zu kaufen. Bei der Bücherkiste kann sich jeder bedienen, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen. Das Buch muss nicht ausgeliehen und zurückgebracht werden, sondern kann seinen Platz im eigenen Zuhause finden.“
Ein Angebot, das gut angenommen wird
Eine positive Erfahrung sei der respektvolle Umgang der Menschen mit der Bücherkiste. Von Vandalismus fehle bis heute jede Spur. Abgesehen von den üblichen Gebrauchsspuren sehe das Regal noch immer aus wie am ersten Tag.
Lesen verbindet Menschen
Für Ibsen ist klar: „Das Lesen eröffnet neue Perspektiven, erweitert den eigenen Horizont, informiert über wichtige Themen und regt die Fantasie an. In jedem Fall hat es einen positiven Effekt. Deshalb wünsche ich mir, dass das Lesen von Büchern auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielt.“ Wer sich für das Lesen begeistert oder wieder häufiger zu einem Buch greifen möchte, findet am Hedenholz 22 jederzeit Gelegenheit dazu. Die „Kleine Bücherkiste“ steht allen offen. SH