
Langfristig bezahlbaren und sicheren Wohnraum schaffen und ihn auch erhalten. Diesen Gedanken lebt die Baugenossenschaft Kiel-Hassee (BGH) bereits seit vielen Jahren. Zum 90-jährigen Jubiläum schaut sie auf gemeisterte Herausforderungen zurück und wirft auch einen Blick nach vorn.
Zwei Festlichkeiten, ein sommerliches Grillfest sowie eine gesellige Mitgliederversammlung mit Speis und Trank, liegen bereits zurück. Eine steht noch bevor, als Axel Neugebauer und Georg Präkelt an einem sonnigen Oktobertag in der Redaktion erscheinen, um Einblicke in vergangene Jahrzehnte, aber auch in aktuelle und zukunftsweisende Projekte zu geben.
Der geschäftsführende Vorstand und das ehrenamtliche Vorstandsmitglied haben eine Menge im Gepäck: Fotos, Dokumente, Festschriften zu früheren Jubiläen, aber auch Geschichten von Anwohnern, die zum Teil ihr ganzes Leben in den genossenschaftlichen Wohnungen in Hassee verbrachten.Neugebauer selbst ist den zahlreichen roten Backsteinhäusern ebenfalls auf eine ganz persönliche Weise verbunden. Der gebürtige Hasseer wuchs nicht nur in der Rendsburger Landstraße 108 in einer der Genossenschaftswohnungen auf. Er löste 2009 auch niemand anderen als seinen Vater Rolf Neugebauer als BGH-Geschäftsführer ab und kennt sich so – tief verwurzelt – bestens aus.
„372 Wohneinheiten haben wir heute“, berichtet er vom aktuellen Stand. 32 Quadratmeter messen die kleinsten. Im Neubau, der 2019 als jüngstes BGH-Gebäude im Streitkamp 17 errichtet wurde, sind mit 70–102 Quadratmetern die größten zu finden. Die Nachfrage ist heute wie damals groß.
Die ersten Jahre der BGH
Denn schon 1936, genauer gesagt am 22. November, als die Baugenossenschaft von acht Interessenten, darunter der Architekt Fritz Kröger, gegründet wurde, war der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum in Kiel enorm. Der Gedanke, den die vielen zugezogenen Marineangehörigen und Werftarbeiter in sich trugen, ist 90 Jahre später noch genauso aktuell: Günstig und vor allem „sicher wohnen, ohne – beispielsweise durch Eigenbedarf – die Kündigung fürchten zu müssen“; dieser Kern macht bis heute gemäß Neugebauer die Genossenschaft aus.
122 Wohnungen und zwei Ladengeschäfte in insgesamt 18 Neubauten bildeten 1937 gemäß einer Festschrift der BGH zum 25-jährigen Jubiläum den Start im Kieler Süden: in der Rendsburger Landstraße, der Gärtnerstraße und der Braustraße.Weitere Häuser folgten schon 1938
zwischen der Rendsburger Landstraße und der Gärtnerstraße (im heutigen Streitkamp), die allerdings nur unter schwierigsten Bedingungen zum Kriegsbeginn fertiggestellt werden konnten. Während des Zweiten Weltkriegs ruhte alle Bautätigkeit. 15 Wohnungen und drei Läden wurden schwer beschädigt beziehungsweise völlig zerstört.
Wiederaufbau und Weiterentwicklung der Siedlung
Ihr Wiederaufbau benötigte Zeit. Bis 1948 dauerte er aufgrund von Materialknappheit. Ohnehin mangelte es in den Nachkriegsjahren an vielem. Die genossenschaftlichen Grünanlagen wurden für den Gemüseanbau und für die Haltung von Hühnern und Kaninchen genutzt, um die Ernährungssituation der Mitglieder insgesamt zu verbessern.
1948 wurden wieder Planungen für weitere Wohnungen ins Auge gefasst: 34 Einheiten, die vom Architekten Emil Oder entworfen wurden. Zusätzliche 21 Wohnungen kamen 1953 in der Gärtnerstraße hinzu.
„Von Anfang an waren die Wohnungen stets mit einem eigenen Badezimmer mit WC ausgestattet“, erklärt Axel Neugebauer – eine Fortschrittlichkeit, die „nicht selbstverständlich war“, wie auch ein Anwohner bestätigt, der bereits seit 1938 in der BGH zu Hause ist und sich noch gut an die Plumpsklo- und Eimerwirtschaft aus den Häusern der Nachbarschaft erinnert.
Das Raumangebot, das sich von den Zweizimmerwohnungen aus der Anfangszeit mit 32–45 Quadratmetern in den 1960er-Jahren auf wesentlich komfortablere Dreizimmerwohnungen mit 70 Quadratmetern weiterentwickelte, prägt ebenfalls bis heute die Erinnerungen: „Wir waren über lange Zeit 16 Kinder im Haus. Alle Familien lebten in Zweizimmerwohnungen. In der heutigen Zeit wäre das undenkbar“, blickt Ursula Lindemann, Tochter eines BGH-Gründungsmitglieds, zurück.


Gebäuden.
Aktuelle Herausforderungen
2019 wurde das jüngste Haus der BGH errichtet: geräumig und dazu noch altersgerecht und barrierefrei nach neusten Standards. Diese prägen übrigens auch die stetig anfallenden Sanierungsarbeiten des Altbestands und werden die BGH noch viele weitere Jahre beschäftigen.
Denn nicht nur im Kleinen – bei einzelnen Renovierungen nach Auszug –, auch im Großen hat die Baugenossenschaft alle Hände voll zu tun: Die von der Bundesregierung bis 2045 angestrebte Dekarbonisierung gilt es zu erfüllen. Eine „Riesenherausforderung“, wie Georg Präkelt betont, da das Umsetzen der Anforderungen der Politik auf die bis zu 90 Jahre alte Bausubstanz hohe Investitionen mit sich zieht. Hier das genossenschaftliche Versprechen für bezahlbaren Wohnraum mit der Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen, sei ein komplizierter Akt. Doch die BGH ist bereits auf einem guten Weg.
Bereits 2023 nahm sie konkrete Nachhaltigkeitsplanungen ins Visier. „Wir beginnen jetzt mit der Umstellung von den Gasheizungen auf Fernwärme“, erklärt Neugebauer. Bis 2027 sollen rund 44 Prozent des Bestands an das Kieler Fernwärmenetz angeschlossen sein, was praktischerweise dank der städtischen Infrastruktur im Stadtteil möglich und „von der Umsetzung her für die Mieter“ auch „mit keinen großen Einschränkungen verbunden“ ist. Neue Fenster sorgen bereits seit 2014/2015 in allen Wohnungen für energetische Einsparungen. Ebenso wie gedämmte Geschossdecken und eine Neuverfugung der Fassaden – Arbeiten, die „mit vollem Erfolg“ von Handwerksbetrieben aus der Region umgesetzt wurden.
Aber auch für den sozialen Zusammenhalt, denn der gehört ebenso zu den Eckpfeilern der BGH, wurde in der jüngsten Vergangenheit gleich Mehrfaches getan.
„Für die Kleinen haben wir unseren Spielplatz etwas erweitert“, berichtet Präkelt. Auch die Grillecke im Innenhof des Carrées Rendsburger Landstraße/Braustraße/Gärtnerstraße erhielt eine Überarbeitung und wurde mit neuen Sitzgelegenheiten ausgestattet. Am 6. Oktober versammelte sich außerdem eine kleine Gruppe lokaler Akteure im selben Innenhof zu einer „Pflanzaktion im Sinne der Nachhaltigkeit“. Drei Obstbäume, ein Apfel-, ein Birn- und ein Zwetschgenbaum wachsen seitdem vor der 2024 eingerichteten Blühwiese. Ob sie im nächsten Herbst schon Früchte tragen? Die Mieterinnen und Mieter dürfen sie dann auf alle Fälle ernten, im Innenhof einen Obstkuchen essen und die Gemeinschaft genießen. Jetzt, morgen und noch ganz viele Jahre. AB