
Eine Wanderung von einem Müllplatz zum nächsten am 16. August – kann das ein schöner Familienausflug für einen Sonntagnachmittag sein? Ja, das kann es. Allerdings werden Sie nicht umhinkönnen, sich mit Dingen aus der Geschichte des Kieler Südens bekannt zu machen, die weniger oder gar nicht schön sind.
Das Auge jedoch wird nicht leiden, denn die Natur hat über alle Hässlichkeiten längst gnädig Gras wachsen lassen. So manches Kleinod lässt uns heute nur noch auf den zweiten Blick ahnen, welches dreckige Geheimnis es in sich trägt. Für die meisten Menschen, die heute in Hassee leben, dürfte überraschend sein, was an Natur nur so aussieht, aber nicht wirklich Natur ist. Wir starten unseren Rundgang an der Bushaltestelle Hamburger Baum. Der Name deutet es an: Hier gab es an der Chaussee nach Altona seit 1830 eine Zollstelle mit Schlagbaum, da für die Benutzung der Straße
(was damals eine Tagesreise war) eine Maut vom dänischen Staat erhoben wurde.
Natur mit verborgener Geschichte
Im Meimersdorfer Weg gibt es rechter Hand einen herrlichen Blick ins Naturschutzgebiet Schulensee und Umgebung. Hier und an den nahen Wiesen geben sich die Kraniche seit einigen Jahren ein Stelldichein. Das war auch schon das letzte Stückchen Natur auf unserer Wanderung.
Unser Weg führt steil hinauf auf das westlichste Ende des Vieburger Gehölzes. Links von uns liegt ausgekoffertes und teils mit Müll aufgefülltes Gelände. Der Wanderweg umrundet das Gebiet auf recht spektakulärem Grat. Unter uns dehnt sich bis zu den Grundstücken Am Sandberg die Baumwegkoppel. Bis 2021 war das ein Kleingartengebiet, seitdem ist das Betreten verboten. Darunter lagert bis in elf Meter Tiefe Müll in weitgehend unbekannter, aber ganz bestimmt hochgiftiger Zusammensetzung. Das Grundwasser fließt vermutlich zum Drachensee ab.
Alte Karten zeigen bis in die 1930er-Jahre eine Ziegelei mit Tongrube. Nach Abriss der Ziegelei wurde das Loch noch einmal enorm vergrößert und mit Müll verfüllt.

Die Baumwegkoppel und die Töpfergrube
Nach der Umrundung der Altlast können wir von der Einfahrt im Baumweg einen Blick auf das verwilderte Gelände werfen. Zurück an der Hamburger Chaussee markiert die ehemalige Villa des Ziegeleibesitzers den Beginn der Töpfergrube. Die Ausdehnung der dortigen Tongruben übertrifft die im Baumweg um ein Vielfaches.
Bis 1968 befand sich an der Hamburger Chaussee die Ziegelei Wulf. An der Rendsburger Landstraße befanden sich mehrere Kalksandsteinwerke, die großflächig Sand abgetragen haben. Da diese Abbaugebiete nicht verfüllt wurden, sind deren Grenzen oft gut erkennbar an ungewöhnlich steilen Abhängen, etwa an Zufahrtstraßen. Anders sieht das bei der Töpfergrube aus. Sie ahnen es schon: Hier liegt Müll im Untergrund. Die Größe der Tongrube reichte auch nicht aus, sodass die Deponie noch weit in die Pappelkoppel ragte – heute Hundeverein und Kleingärten. Aufmerksame Beobachter fragen sich schon länger, warum das Gelände größtenteils brach liegt. Hier ist die Antwort.
Wenn alte Deponien bis heute wirken
Die Deponie wurde zwar in den 60er-Jahren geschlossen, doch noch immer gammelt der Müll unterirdisch
vor sich hin und setzt permanent Deponiegas frei, das weiterhin ununterbrochen abgepumpt werden muss. Die Gaspumpe am Ende der Töpfergrube zeugt mit ihrem weit hörbaren Heulen dafür, dass uns die Deponie niemals aus dem Sinn kommt. Auch die Kleingärtner auf der Pappelkoppel können sich nicht entspannen. Seit Jahren senkt sich der Boden immer weiter ab. Das führt zu Schäden an Gartenhäusern und Bäumen, die einfach mal umkippen.
Ein kleines Stückchen unverseuchten Naturgenuss haben wir nun aber doch, wenn wir am Vorderen Russee entlangwandern – denken wir, doch weit gefehlt, denn hier mündet die Struckdieksau in den See. Warum das problematisch ist, erfahren wir schon wenige Hundert Meter weiter.
Dann fragen wir uns auch gleich: Wie ist es möglich, dass an diesem Gewässer geangelt wird?
Der Müllberg am ehemaligen Neelsen-Gelände
Bald fällt unser Blick auf die Gedenkstätte für die Opfer des NS-Haftlagers. Auf gegenüberliegender Seite der Rendsburger Landstraße erwartet uns die nächste Umweltkatastrophe. Bis an die Grenze des ehemaligen Neelsen-Geländes am Strucksdiek ist die Einfamilienhaus-Siedlung herangebaut. Dahinter: Lost Place. Links der Au der wunderbare Demühlener Mühlenteich, rechts ein Berg. Was aus dem Berg sickert, landet in der Au. Damit es nicht in die Moorwiese ablaufen kann, wurde der Teich aufgestaut. Als doch mal das Wasser hinübergelangte, schwammen die Fische oben.
Der Berg hat es in sich. Alles, was an Müll und Dreck, giftigen Chemikalien, Schlacken und Ölen Rang und Namen hat – hier versammelt es sich bis zu einer Höhe von acht Metern. Das ungeübte Auge sieht hier ein Naturparadies voll von großen Bäumen, dichtem Buschwerk und Singvögeln. Niemand stört in diesem Paradies, denn es gibt keine Wege. Nun, der erste Eindruck täuscht. Damit ist die Neelsen-Geschichte leider nicht zu Ende. Die Firma war nämlich dazu übergegangen, weiteren Müll illegal auf dem Nachbargelände abzukippen – und anschließend pleite zu gehen.
Auf alten Karten ist erkennbar, dass dieser Müllberg seit den 50er-Jahren rasant angewachsen ist. Die Struckdieksau verlief seinerzeit quer über die Moorwiese, dort, wo sich heute der Müllberg türmt. Sie wurde um etwa 200 Meter verdrängt. Wurde hier auch schon illegal abgekippt?
Die Stadt Kiel hat das Gelände wohl oder übel übernommen, dann aber ein Kleingartengebiet darüber ausgewiesen. Ist dies allein schon skandalös genug, wurden die Kleingärtner auch noch jahrzehntelang wider besseres Wissen über die Gefahren aus dem Untergrund im Unklaren gelassen.
Wir können uns heute die gesperrten Bereiche des Kleingartengebiets von außen ansehen. Alles ist verwildert. Außen herum ein massiver Zaun.
Rückweg über den Drachensee
Der Rückweg führt uns an den abgebaggerten Tongruben vorbei zum Drachensee, der übrigens nicht immer so hieß. Vorher nannten die Einwohner diesen See „Drecksee“. Das ist aber schon so lange her, dass das nicht am Müll liegen kann, sondern eher an den Einleitungen der Anwohner.
Zeitlich fällt die Umbenennung in „Drachensee“ mit der Errichtung eines Eiswerks rechts neben der heutigen Villa Mordhorst zusammen. Irgendwie leuchtet es ein, dass die Gewinnung von Eis aus einem „Drecksee“ keinen besonders guten Eindruck macht.
Heutzutage entwässert einiges an Altlasten der Umgebung in den Drachensee. Entsprechend wird hier wohl niemals Badewasserqualität erreichbar sein.
Hätten Sie gedacht, dass eine Wanderung von Dreck zu Dreck so schön sein kann?

bildet den Rest der vormaligen Moorwiese, auf deren östlicher Hälfte heute
der riesige Müllberg thront.
Termin der geführten Wanderung
Wenn Sie diese knapp acht Kilometer lange Wanderung nicht allein unternehmen möchten, können Sie sich der Tour des Autors anschließen. Sie findet am Sonntag, dem 16. August 2026, statt und beginnt um 14 Uhr an der Ecke Meimersdorfer Weg / Hamburger Chaussee nahe der Bushaltestelle Hamburger Baum (stadteinwärts). Die Teilnahme ist kostenlos und auf eigenes Risiko. Weitere Infos und ggf. kurzfristige Änderungen: wanderatlas.de.cool. JM
https://www.kiellokal.de/kleingaerten-auf-muelldeponie/