Der HSV ist immer eine Reise wert

Erlebnisbericht vom DFB-Pokalabend im Hamburger Volksparkstadion

Für Fußballanhänger von Holstein Kiel lohnt sich manchmal eine Reise in den Süden der Republik – und garantiert immer, wenn es in das Volksparkstadion nach Hamburg geht.

Schon seit 1962 haben die Hansestädter daheim kein Punktspiel mehr gegen die Kicker aus dem „echten Norden“ gewinnen können. Erwartungsvoll machten wir uns deshalb am 3. Dezember 2025 auf den Weg an die Elbe und ich konnte meinen Fanschal mit der nostalgischen Aufschrift „Pokalschreck 2011/12“ einweihen.

Den solle ich besser unter meiner Jacke verbergen, rieten mir bei ihrer Wegweisung die Polizisten am Hamburger Hauptbahnhof, denn den S-Bahnhof Stellingen würden die HSV-Fans als ihr Hoheitsgebiet ansehen und entsprechend gegen Ortsfremde verteidigen.
Dort wirkte nach dem Engpass eines schmalen Tunnels der gemeinsame Weg zum Stadion an diesem späten Abend recht friedlich und harmlos, was sicher an der aktuellen Stimmung und Erwartungshaltung der jeweiligen Anhänger lag.

Die Mannschaft von Holstein Kiel hatte sich nach dem kurzen ungewohnten Ausflug in die Erste Bundesliga schwergetan, sich in dem Unterhaus zurechtzufinden und war zum Jahresende in den Abstiegskampf der Zweiten Liga geraten.

Ähnlich war es zwar dem HSV in dem Fußball-Oberhaus nach dem endlich erreichten Wiederaufstieg gegangen, aber im Unterschied zu Kiel hatte wenige Tage vor diesem Pokalspiel ein Hamburger Siegtreffer in der Schlussminute trotz Unterzahl den Verein und die Fans nun in Euphorie und Siegesgewissheit versetzt.

Fotos: Dr.Ulrich Erdmann

Eindrucksvoll war das große Volksparkstadion vor dem Anpfiff in blaues Licht getaucht, das Hamburger Vereinslied aus rund 50.000 Kehlen und das Hochhalten und Schwenken von den vielen blau-weiß-schwarzen HSV-Schals in der gegenüberliegenden Kurve machte wenigstens auf mich ordentlich Eindruck.

Die Ultrafans beider Vereine zeigten sich in den Anfangsminuten stiller und hielten sich mit Anfeuerung und Jubel zurück, um damit ihren Protest gegen Pläne von Sportpolitikern auszudrücken, den Einsatz von Pyrotechnik in den Stadien strikter zu ahnden, bundesweite Stadionverbote schon auf Verdacht zu verhängen oder nur noch personalisierte Eintrittskarten verkaufen zu lassen.
Ab der 12. Minute wurden allerdings Raketen gezündet und auch stimmlich mehr Einsatz auf den Rängen gezeigt, als wir phasenweise von den beiden Fußballmannschaften auf dem Platz geboten bekamen.

Ärgerlich war für manche Fans (insbesondere Ältere, Kinder und gesundheitlich Beeinträchtigte) allerdings, dass sich einige Ultras zwischen uns zwar ebenfalls Sitzplatzkarten gekauft hatten, aber willkürlich länger von ihren Plätzen erhoben und ihre Hinterleute ebenfalls zum Stehen zwangen, obwohl wir sie ansprachen und freundlich um das Hinsetzen baten.

In der ersten Spielhälfte erarbeitet Holstein sich in diesem Pokalspiel zwar ein Chancenplus, aber die Offensive vergab wie diese ebenso wie in allzu vielen Spielen zuvor.
Überraschend war hingegen, dass es der favorisierten Mannschaft des HSV ähnlich ging, so dass für uns das Erreichen der Verlängerung schon ein gefühltes Erfolgserlebnis darstellte.
Wie in der Saison häufiger erlebt, ließ gegen das Spielende die Konzentration in der Kieler Abwehr nach, so dass der eingewechselte Hamburger Stürmer Bakery Jatta in der 108. Minute ungedeckt doch noch ins Tor traf und die Heimmannschaft diese Führung mit Tändelei und Verzögerungen scheinbar mühelos über die Zeit brachte.
Rätselhafterweise leistete sich ein HSV-Abwehrspieler in der vorletzten Minute des Spiels allerdings ein vermeidbares Foul in der Nähe seines Strafraums.

Auch während dieses Spiels hatte sich der Kieler Stürmer Phil Harres engagiert, aber glücklos gezeigt und legte sich den Ball vor der Hamburger Menschenmauer zurecht.
Kaum jemand im Stadion und auch der reglose HSV-Torwart Daniel Peretz hatte ihm zugetraut, den Ball mit der letzten Aktion dieses Spiel knapp über die Hochspringenden hinweg ins Netz zu setzen, was ich aus unserer Kurve mit Glück fotografisch festhalten konnte.
Die folgende Bierdusche nahmen wir in dem losbrechenden Jubel sehr gern in Kauf, und auch einige Pyros waren in unserer Kurve noch nicht gezündet worden.
Als Außenseiter waren die Kieler Spieler im folgenden Elfmeterschießen psychologisch im Vorteil, zumal dieses auch noch in unserer Gäste-Fankurve ausgetragen wurde.
Der beliebte Kieler Torwart Timon Weiner wurde so lautstark angefeuert, dass zwei HSV-Schützen entscheidend vergaben und für den Luftraum unserer begeisterten Kurve noch genug Bier und Rauch der Pyrotechnik zum Feiern geblieben war.

In den mitternächtlichen und eng besetzten S-Bahnen zurück in die Hamburger Innenstadt, hatten sicher auch andere Kieler mit verborgenen Schals Mühe, sich inmitten von frustrierten und schimpfenden HSV-Fans nicht zu viel Zufriedenheit anmerken zu lassen.
Wenn die Zugfahrten heimwärts auch noch viele Stunden lang der Deutschen Bahn und ihren Kunden einige Probleme bereiteten, hatten wir doch einen historischen Außenseitersieg miterlebt und können nun bezeugen: im Volksparkstadion kann Holstein Kiel einfach nicht verlieren. Dr. Ulrich Erdmann

Die folgenden Bilder stammen alle aus dem Fundus von Hostein-Fotograf und -Historiker Patrick Nawe: