Mitmachaktion auf der Kieler Förde mit dem Hasseer Kapitän Manfred Kähler
Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Nein, durchaus nicht, denn die Drittklässler der Grundschule Russee gehören zu denjenigen Jahrgängen, die wieder in Ordnung bringen müssen, was die Generationen vorher vermasselt haben.
Die Tragweite der Mitmachveranstaltung am Seefischmarkt, an der die 25 Schulkinder im Rahmen der Kieler Zukunftswoche im April teilnehmen durften, wird den meisten wohl erst nach und nach bewusst werden. Die 45-minütige Aktion war durchaus spielerisch mit besonderem Spaßfaktor, jedoch mit einem bitterernsten Hintergrund. Solch ein Schulunterricht bleibt für immer im Gedächtnis.
Zuerst ging es in die Schwimmwesten, dann über den schmalen Steg zur „SeeKuh“. Was, das soll ein Schiff sein? Ja, und zwar ein ganz besonderes. Die Schulkinder versammelten sich auf der Plattform des Katamarans, und Kapitän Manfred Kähler aus Hassee erläuterte, was das für ein Schiff ist, auf dessen schwankenden Planken sich die Schulklasse gerade aufhielt.
Wir erinnern uns an den Sympathieträger aus dem Animationsfilm „Findet Nemo“, einen süßen orangefarbenen Clownfisch, der vor mehr als 20 Jahren allerlei Gefahren überstand. Als knuffiges Stofftier hängt er zu Demonstrationszwecken in einem echten Geisternetz an Bord der SeeKuh fest und verendet dort jämmerlich. Zum Glück ist es nur der Kuschelfisch. Leider ist die Realität so, dass Abertausende verlorene Netze in den Weltmeeren hin und her treiben und völlig nutzloserweise weiterfischen. Nicht nur für die Fischerei, auch für die Ökosysteme im Ozean ist das ein ernstes Problem. Dazu kommen Leinen und Köder, die ebenfalls häufig im freien Meer enden und jahrelang für einen sinnlosen und qualvollen Tod von Meeresbewohnern verantwortlich sind.
In einer Ecke zu Füßen der Kinder liegt ein unscheinbares kleines Knäuel. Ein Schüler fragt danach. Kapitän Manfred klärt auf: „Dies ist ein typisches Geisternetz, das wir hochgeholt haben. Auseinandergebreitet ist es hundert Meter lang.“ Dann erzählt er, wie die Bergung von Geisternetzen abläuft: „Fischernetze verheddern sich gerne, z. B. in Wracks. Die Positionen der Wracks sind auf Seekarten eingezeichnet. Wir fahren mit der SeeKuh hin und markieren die exakte Stelle mit einer Boje. Am Seil der Boje gehen zwei Taucher runter. Wenn sie ein Geisternetz vorfinden, lassen sie eine kleine Signalboje aufsteigen. In dem Fall gehen bis zu acht weitere Taucher nach unten – bewaffnet mit Messern und Sägen. Sie befestigen mehrere Ballons am Netz, die sie mit Pressluft füllen. Dann schneiden sie das Netz los, und schwuppdiwupp saust es nach oben, wo es nur noch eingesammelt werden muss. Dabei ist die Bergung für die Taucher nicht ungefährlich. Auch sie können sich leicht verheddern. Darum gehen sie niemals allein in die Tiefe.
Die SeeKuh kann aber nicht nur Geisternetze bergen, sie ist auch hervorragend geeignet, bei langsamer Fahrt mithilfe eines Netzes Müll aus dem Wasser zu holen. Der problematischste Müll ist heutzutage aus Plastik. In einigen Jahren, so die Befürchtung, gibt es im Ozean mehr Plastik als Fische. Kapitän Manfred zeigt eine Plastikschale aus der Obstabteilung eines Supermarktes. „Um ein paar Äpfel darin zu transportieren, haben wir sie vielleicht eine halbe Stunde benötigt. Danach wandert sie in den Müll. Im schlimmsten Fall, und leider weltweit stark verbreitet, landet das Plastik im nächsten Fluss und später im Meer. Anschließend vergiftet es die Meereslebewesen noch 400 weitere Jahre lang.“
Eine dringende Aufgabe, der sich Manfred und die Ehrenamtlichen des Vereins „One Earth – One Ocean“ verschrieben haben, ist, die Menschen vom Verzicht auf Verpackungsplastik zu überzeugen, aber auch, die Meere wieder vom Plastikmüll zu befreien – eine schier gigantische Aufgabe. Dabei wissen auch die Schulkinder auf Nachfrage, was besser ist. Hier z. B. das Einkaufsnetz. Damit sich alle Schulkinder ein Bild von der Plastikbergung machen konnten, durften sie sich in kleinen Gruppen ordentlich ins Zeug legen, um ein riesiges Fangnetz am Flaschenzug aus dem eisigen Wasser der Schwentinemündung zu ziehen, in das der Kapitän vorher einige Plastikflaschen und Quietscheentchen geworfen hatte. Alle Gruppen schafften das unter großem Applaus, aber es war anstrengend. Zum Schluss mussten zur besonderen Gaudi der Kinder auch noch die Lehrer anpacken.
Nun sind die Weltmeere natürlich viel zu groß, um mit kleinen Booten darauf herumzuschippern und Müll einzufangen. Das wissen die Protagonisten des Vereins auch. Aber es gibt bestimmte Hotspots, an denen sich die Plastikmüllsammlung richtig lohnt, z. B. an Flussmündungen in Südostasien oder Zentralafrika. Dort sind zahlreiche Einheimische durch die Müllsammelprojekte sogar in Lohn und Brot gekommen.
Manfred Kähler und seine Mitstreiter haben noch größere Pläne: In ein paar Jahren möchte der Verein ein großes Müllverwertungsschiff, den „SeeElefant“, in Dienst stellen. „So wie aus Erdöl Plastik gemacht wird, geht es auch umgekehrt,“ erklärt der Kapitän. „Aus einem Kilo Plastik lassen sich bis zu 600 Gramm Öl zurückgewinnen.“ Das Schiff soll also auf seinen Fahrten Plastik einsammeln und sortieren, damit daraus später Öl produziert wird, ein wichtiger Rohstoff. Nicht ganz so wertvoll, aber gut verkaufbar ist klein geschreddertes, sortenreines Plastikgranulat. Was an Plastikmüll aus dem Meer mit den beiden genannten Verfahren nicht verwertbar ist, kann immer noch in Zementwerken verbrannt werden – oder das Schiff antreiben und nebenbei Strom herstellen. Das war eine Menge spannender Stoff für die dritte Klasse, aber alles wunderbar altersgerecht aufbereitet, von Kapitän Manfred vorgeführt und zum Mitmachen angeregt. Ein tolles Erlebnis, das lange in Erinnerung bleibt.
Zum Ende der Veranstaltung huscht ein Lächeln über das Gesicht des Kapitäns: „So, nun bin ich mit euch für heute am Ende. Und jetzt ist es eure Aufgabe, eure Eltern ein bisschen zu erziehen, nämlich dass sie weniger Plastikmüll erzeugen, um die Weltmeere zu retten.“ JM






