Die Kunstszene im Leerlauf

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Wir kennen ihn als Inhaber der Rockschule Russee und als Bassisten der Gruppe Godewind. „Für mich war die Zeit reif für etwas Neues, für spannende Projekte“, sagt Sven Zimmermann. „Wenn Corona nicht gekommen wäre, wäre es mir schwerer gefallen, aufzuhören.“

Nüchtern betrachtet, rechnet Sven Zimmermann erst 2022 wieder mit Livekonzerten. „Es ist keine Option, so lange zu warten, bis etwas passiert“, meint er. „Ich möchte die Zeit nutzen, um etwas Neues zu machen.“ Bei Godewind ist er daher nach zehn Jahren ausgestiegen. Derzeit arbeitet er an einem Soloalbum, das er nach dem Lockdown zusammen mit seinem neuen Buch vorstellen möchte.
Der Bildband „Überleben – Übers Leben. Blumen und Applaus“ zeigt Sven Zimmermanns zweite künstlerische Seite: die des aufmerksamen Fotografen. In den Monaten März bis August 2020 hat er Künstler besucht und alle vor einem einheitlich schwarzen Hintergrund fotografiert. Vertreten ist die ganze Kunstszene Schleswig-Holsteins: Maler, Musiker, Schauspieler, Tänzer, Veranstalter und viele andere mehr. Verbindendes Element ist, dass sie den Beruf als Haupterwerb haben.
„Ursprünglich wollte ich nur die Kieler Szene darstellen“, so Zimmermann. „Dann wurde der Kreis immer größer, bis der Charles-Verlag aus Hamburg anrief und vorschlug: Mach doch ganz Schleswig-Holstein.“ Gesagt, getan. Er hat sich einen Plan erstellt und aus jedem Landkreis jemanden gefunden. Eine gleichmäßige Verteilung ist ihm wichtig. Ebenso Parität, um nicht nur alte Männer abzubilden.
Die Auswahl reicht von namhaften Musikern wie Torfrock-Sänger Klaus Büchner über die beiden Wacken-Macher Holger Hübner und Thomas Jensen bis hin zum Tontechniker, der sonst nicht im Rampenlicht steht.
Mit jedem der Künstler hat sich der Autor zwei Stunden unterhalten und dabei die prägnantesten Zitate notiert. Das jeweilige Portraitfoto soll dessen Aussage unterstreichen. Das Buch gibt somit den stark betroffenen Menschen eine Stimme. Durchsetzt ist der Bildband mit doppelseitigen Stillleben von gespenstisch leeren Konzertsälen und vollgestellten Lagerhallen wie zum Beispiel bei Opus Veranstaltungstechnik im Gewerbegebiet Hassee. Alles in schwarzweiß.
„Es war eine gute Zeit, weil alle Zeit gehabt hatten“, zieht Zimmermann Bilanz. „Die meisten waren zur Untätigkeit verdonnert.“ Wie geht es weiter? Sobald wie möglich, möchte er mit Beamer und Großbildleinwand durchs Land ziehen, um das Buch vorzustellen. „Und ab Mai fahre ich wieder los. Dann wird es einen zweiten Band geben“, verrät er. Unter dem Arbeitstitel „Woher der Wind nun weht“ möchte er alle Protagonisten erneut besuchen, damit sie den zweiten Teil ihrer Geschichte erzählen. Wer arbeitet noch im angestammten Beruf? „Dann zeichnet sich die neue Realität ab, mit der wir leben müssen.“

Text: Frahm; Foto: ©Frahm