Drei Generationen zusammen am Tisch

In der Schachgruppe der Anlaufstelle Nachbarschaft wird alles ausprobiert

Zahlreiche Freizeitgruppen haben sich in der Anlaufstelle Nachbarschaft (anna) in Hassee gebildet. KIEL LOKAL stellt sie vor. Diesmal haben wir die Schachgruppe besucht.

Minutenlange konzentrierte Stille, leises Klacken beim Setzen der Figuren, dann wieder gefühlt nicht enden wollende Totenstille. Endlich ein Aufstöhnen: Der Youngster hat seine Gegnerin vom Brett geputzt. Danach endlich Zeit für ein kurzes Interview, aber nur so lange, bis die Figuren zur Revanche wieder aufgebaut sind. So hatte sich der KIEL LOKAL-Reporter seinen Besuch bei der Schachgruppe in der „anna“ ausgemalt. Natürlich kam es ganz anders.
Helga ist die gute Seele der Schachgruppe. Sie hat die Gruppe vor einigen Jahren gegründet, schließt die Tür auf und wieder zu und hat immer im Blick, dass Tee und Knabbersachen niemals ausgehen.
In diesem gemütlichen Ambiente finden sich jeden Montagabend etwa sechs bis acht Spieler ein, um zwei Stunden lang ihrem Schach-Hobby nachzugehen. Von Verbissenheit allerdings keine Spur, ganz im Gegenteil. Bei dieser Schachgruppe steht eindeutig der gemeinsame Spaß im Vordergrund.
Wer hat schon mal von Räuberschach gehört, bei dem es darum geht, als Erster alle Figuren loszuwerden? Oder von Tandem-Schach, wo erbeutete Figuren dem Partner am anderen Brett zugeschoben werden? Oder von China-Schach mit gänzlich anderen Figuren und faszinierenden Zugregeln, wo sich die Könige, die hier Generäle heißen, niemals sehen dürfen?
Welch ein exotisches Spiel! Es wird sogar gemunkelt, dass ein Spieler die zugehörigen Spezialfiguren mangels käuflicher Alternative mit einem 3D-Drucker herstellt! Denn die Originalsteine enthalten zur Unterscheidung lediglich ein chinesisches Schriftzeichen, was ohne entsprechende Sprachkenntnisse wenig zum Verständnis beiträgt. Dago, mit 80 Lenzen der Alterspräsident der Schachgruppe, meint dazu: „Im Laufe der Zeit werden wir alles ausprobieren im Schach.“ Vielfalt gibt es nicht nur auf, sondern auch vor dem Brett. Max ist mit 13 Jahren der Jüngste in der Gruppe, aber doch schon ein alter Schach-Hase. Maxim (44) profitiert davon, dass er mit seinem Rolli barrierefrei bis ans Brett herankommt. Dass er noch Deutsch-Sprachanfänger ist, fällt nicht weiter ins Gewicht, denn Schach ist international und geht bekanntlich auch ohne viele Worte.
Niemand würde auf den Gedanken kommen, dass es sich hier um eine Senioren-Truppe handeln könnte, die sich geistig fit hält. So aber war die ursprüngliche Intention. Es ging ganz schnell, da waren die Alten nicht mehr unter sich. Heute sind drei Generationen an den Brettern vereinigt – im tiefen gegenseitigen Einvernehmen.
Die Schachgruppe hat noch Platz und freut sich über weitere freundliche und aufgeschlossene Schachspieler aller Spielstärken und Altersgruppen, die die Sache nicht gar so ernst sehen und offen für Neues sind. Spieltag ist jeden Montag von 18–20 Uhr in der anna, Hamburger Chaussee 75. JM

Fotos: Jens Uwe Mollenhauer