Ein Leben auf der Bühne

Das Hasseer Ehepaar Elisabeth und Bernd Stahmer in dem Stück „Champagner to’n Fröhstück“

Elisabeth und Bernd Stahmer aus der Hasseer Straße berichten über 40 Jahre „De platten Adlers“

„Ich hatte in der Schule nie etwas mit Theater zu tun und wollte das anfangs gar nicht“, erzählt Bernd Stahmer aus der Hasseer Straße 100, dem ältesten Haus der Straße
(KIEL LOKAL berichtete).

Als Fernsehtechniker interessierte er sich ursprünglich nur für die Bühnentechnik, aber schon beim ersten Stück 1986 fehlte ein Schauspieler. „So habe ich die ganzen
40 Jahre auf der Bühne gestanden und verschiedene Rollen gespielt.“
Groß feiern wird er seinen Abschied nicht. Bernd Stahmer sieht sich als Teil des Ganzen und macht in Zukunft hinter der Bühne weiter. Aktuell hat er neben seiner Rolle mal wieder die eine oder andere Sound-Nuss für das Stück „Jens Petersen kriggt Besök“ zu knacken.

Die Anfänge des Laientheaters

Die Idee, plattdeutsches Laientheater zu machen, hatte Stahmers Frau Elisabeth. Sie hatte in der Kollmaraner Landjugend Platt gespielt und wollte das in Kiel fortführen. Durch ihren Einsatz wurden aus den plattdeutschen Klönabenden bei der Freien Turnerschaft Adler Kiel e. V. (FT Adler) „De platten Adlers“.
Drittes Gründungsmitglied ist der ehemalige Lehrer Uwe Richardt (geb. 1935), langjähriger Speelbaas (Regisseur) und damaliger Vereinsvorsitzender der Gruppe.
„Er kennt die Feinheiten“, erzählt Elisabeth Stahmer. „Ein Beispiel: Ein echter Grogtrinker nimmt nach dem Umrühren den Stöpsel aus dem Glas und legt ihn nicht gleich ab, sondern leckt ihn vorher ab. Dann sieht das echt aus.“ Elisabeth Stahmer, die seit 2019 Regie führt, hat das meiste von Uwe Richardt gelernt.

Die ersten Vorführungen waren in der Gutenbergschule, neben dem Adlerheim. Dort war Mitspieler Bruno Carstens Hausmeister und „wir hatten Narrenfreiheit“, so Bernd Stahmer. „Es gab keine Kulissen und keinen Vorhang, sondern Sackleinen-Meterware, wenige Möbel und ein paar Requisiten.“

Mit Hartmut Apelles stieß 1993 ein ehemaliger Bühnenmeister des städtischen Theaters dazu. Erstmals verfügte die Gruppe über ein professionelles Bühnenbild und auch eine Sicherheitstechnik: Fluchtwege, Stahlseil-Sicherungen und die Begrenzung der Zuschauerzahl, damit keine Feuerwehr anwesend sein musste. „So sind wir bei 99 Zuschauern stehen geblieben“, erzählen die beiden Hasseer schmunzelnd.

Mit einem neuen Hausmeister an der Gutenbergschule Mitte der 90er-Jahre wehte ein anderer Wind. Requisiten wurden einfach entsorgt, sodass 1996 der Umzug ins Adlerheim unumgänglich war. Zuerst musste ein Podest für die Bühne gebaut werden. Die Gestelle sowie eine kleine Spielfläche wurden selbst gebaut. Zu den Aufführungen erhält die Gruppe bis heute Unterstützung vom Rugbyteam der FT Adler, das sämtliche Kulissenteile aus dem Probenkeller nach oben trägt.

Als Garderobe musste zunächst ein Zeltlagerzelt des Vereins herhalten. „Dort zogen wir Schauspieler uns um. Es war kalt und nass, sodass wir immer froh waren, wenn wir wieder auf der Bühne standen“, erinnert sich Elisabeth Stahmer. Irgendwann, als es sehr stürmte, stand das Zelt auch mal senkrecht. So beschlossen „De platten Adlers“, selbst eine „Garderobe“ zu bauen – in Form einer überdachten Terrasse. „Das ist das Tollste, was wir haben“, so das Ehepaar Stahmer.

Highlights aus vier Jahrzehnten

„Das waren die Gastspiele in Hamburg-Osdorf im Kulturzentrum Heidbarghof von 2006 bis 2021“, erinnert sich Bernd Stahmer. Anfänglich von den Hamburgern als „Ohnsorg für Arme“ belächelt, konnte das Kieler Laientheater die Zweifel schnell ausräumen – und wurde immer wieder angefragt.
Ob Zimmerpartys im Hotel oder abenteuerliche Fahrten mit dem Transporter bei Eis und Schnee, Stahmer blickt gern auf diese Zeit zurück.
Elisabeth Stahmer denkt gern an ein Telefonat mit Stückeschreiber Ingo Sachs zurück („As ’n Wulk in’n Wind“), der die Aufführung 2011 gern sehen wollte: „Dreimal ist er persönlich da gewesen, um sich die Stücke anzuschauen. Da waren wir noch aufgeregter.“
Auch amüsante Reaktionen aus dem Publikum bleiben bei Bernd Stahmer in Erinnerung: „Bei einem Stück sitze ich mit Axel Neugebauer, der auch im aktuellen Stück eine große Rolle spielt, vor dem Kamin. Ich sollte Apfelsaft als Cognac-Ersatz trinken, habe mir aber einen echten Hennessy-Cognac bestellt.“ Nach dem Stück kam aus dem Publikum: „Die Farbe von dem Cognac habt ihr aber nicht gut hingekriegt.“
Und Stahmers beliebtestes Stück? „Das war 2017 ‚Champagner to’n Fröhstück‘, wo es bei einigen Szenen mucksmäuschenstill im Publikum war.“

Erhalt des Niederdeutschen und Ausblick

Als plattdeutsches Laientheater setzen sich „De platten Adlers“ dafür ein, Interesse für die niederdeutsche Sprache zu wecken und diese zu erhalten. „Die meisten sprechen kaum noch aktiv Platt, aber kennen das von zu Hause her“, so Elisabeth Stahmer. Interessierte Laien-Schauspieler*innen sind bei der Gruppe herzlich willkommen – auch mit geringen Niederdeutsch-Kenntnissen. „Unser Uwe hat sie alle dahin getrimmt“, sagt sie schmunzelnd, „und das Englische hilft einem auch immens weiter.“

Die aktuelle Besetzung der niederdeutschen Laienspielgruppe „De platten Adlers“.Wer Interesse hat, kann gern mitspielen. Fotos: De platten Adlers

Dass eine Rolle bald neu besetzt werden muss, ist sicher, da Bernd Stahmer in den schauspielerischen Ruhestand geht. Denn das Wichtigste sei für ihn die Textsicherheit auf der Bühne. „Die schwindet so allmählich“, sagt er. „Aber 40 Jahre sind ein guter Einschnitt.“
Wer das aktuelle Stück der „Platten Adlers“ in dieser Saison sehen möchte, hat dazu bis zum 22. Februar Gelegenheit, und zwar jeweils samstags und sonntags um 16 Uhr sowie am Freitag, dem 27. Februar, um 19 Uhr und am Samstag, dem 28. Februar, um 16 Uhr.
Eintrittskarten können montags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr im Adlerheim (Petersweg 1) für zwölf Euro erworben werden. Telefonische
Bestellungen sind möglich unter 0176/ 52438607. CK