Familienerbe auf vier Rädern

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    Eine Halle im Gewerbegebiet Wellsee. Davor stehen eine Reihe Überseecontainer und mehrere abgestellte Fahrzeuge. Drinnen glänzt Chrom, leuchten Blitzlichter und Alfred Gislason strahlt übers ganze Gesicht.

    Ja, der Alfred Gislason. Der langjährige THW-Erfolgstrainer und derzeitige Coach der deutschen Handball-Nationalmannschaft ist gekommen, um sein Auto aus der Werkstatt abzuholen. Nicht irgendein Auto und nicht aus irgendeiner Werkstatt. Der Pontiac Parisienne mit 4,1 Liter Hubraum und 150 PS ist Baujahr 1966 und somit weit über 50 Jahre alt. Die Werkstatt Motors ist auf Old- und Youngtimer spezialisiert. „Je älter, desto besser“, sagt Werkstattleiter Sven Steff en. „Wir machen grundsätzlich alles: englische und deutsche
    Oldtimer und natürlich auch Amis.“ Geschäft sführer Dipl.-Ing. Gerd Rullmann gesteht: „Den völlig verrosteten Wagen von Alfred Gislason wollte sonst keiner restaurieren. Der war eigentlich Schrott. Betriebswirtschaftlich war die Restauration gar nicht mehr darstellbar. Wir sind uns gegenseitig entgegengekommen.“ Über ein Jahr lang haben die Arbeiten gedauert. Immer wieder wurden die vielzähligen notwendigen Arbeitsschritte eingeschoben.

    Der Wagen wurde komplett auseinandergebaut, der Fahrzeugrahmen und die Karosserie von unten sandgestrahlt. Das einzige Blechteil, das nicht geschweißt wurde, ist die Motorhaube. „Sowas habe ich in meiner berufl ichen Laufb ahn noch nicht erlebt. In so einem desolaten
    Zustand“, erinnert sich der Werkstattleiter. „Das war Ansporn für uns.“ Für den Geschäftsführer lautete die Herausforderung, alle nötigen Teile zu besorgen: „Das ist ein seltenes Auto. Es gibt keine Ersatzteile“, sagt Rullmann. „Alles ist wiederhergerichtet worden.“ Bremsen, Lenkung, Tank und Auspuff anlage, alles neu. „Die Teile habe ich in ganz Europa und in den USA besorgt“, ergänzt er. Zu guter Letzt hat die Werkstatt die gesamte Karosserie mit 15 Litern Lack in der Originalfarbe lackiert.

    Gislasons Schwiegervater hatte den Wagen 1967 in Reykjavik ersteigert, ein paar Jahre als Taxi und als Familienkutsche gefahren und dann an den Schwager weitergegeben. Dort stand der Pontiac fast zwei Jahrzehnte in einer Scheune, ehe Alfred Gislason ihn geborgen und nach Deutschland verschifft hatte. Nun endlich ist alles fertig. „Fast fertig“, gesteht der Fachmann. „Die Windschutzscheibe muss noch ausgetauscht werden.“ Die erste Anfertigung ist auf dem Transportweg kaputt gegangen, die zweite war etwas zu schmal. Doch im dritten Anlauf soll es bald klappen. Die TÜV-Abnahmen sind nach dem betriebenen Arbeitsaufwand eher Formsache.

    Sobald das erledigt und das Wetter gut ist, kommt der Pontiac auf einen Anhänger und wird zu Alfred Gislason gebracht. „Ich würde mich nicht trauen, mit dem Wagen über die Autobahn zu fahren“, gesteht der Trainer. „Ich werde mich lieber hinten reinsetzen und meine Jungs fahren lassen. Oder meine Tochter.“ Neben Gislason ist auf der Rückbank auch Platz für seine Frau Kara-Gudrun. Sie hatte dort schon als kleines Mädchen gesessen. So fährt nun das Familienerbe auf vier Rädern in die nächste Generation.

    Text: Frahm; Foto: ©Frahm