Am Anfang des Ganzen steht ein Gebet, das zugleich ein Lied ist: der „Sonnengesang“, den Franz von Assisi 1224/25 verfasste. In seinem berühmten Hymnus spricht er von „Bruder Sonne“, „Schwester Wasser“ und „Mutter Erde“. Er beschreibt seine tiefe Verbundenheit mit der Schöpfung und ihren Elementen.
Rund 800 Jahre nach dem Tod des heiligen Franziskus sind diese Gedanken aktueller denn je. Das zeigt auch der neu eröffnete Franziskuspfad. Zehn Stationen laden dazu ein, sich mit den unterschiedlichen Aspekten des Sonnengesangs auseinanderzusetzen. An jeder Station steht eine Strophe des Hymnus im Mittelpunkt. Angesprochen werden die Gestirne und die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Auch Krankheit und Tod sind jeweils Thema einer Strophe und werden als Schwestern und Brüder bezeichnet. Über allem steht die Kraft der von Gott ins Leben gerufenen Schöpfung.
Schöpfungsverantwortung und Gemeinschaft im Mittelpunkt
Kristina Herbst, Präsidentin des Landtages Schleswig-Holstein, machte bei der Eröffnung des Franziskuspfades deutlich, warum ein solcher Weg gerade heute wichtig ist: „Der heiße Sommer hat uns gezeigt, dass wir so nicht weitermachen können. Jeder Einzelne muss bei sich anfangen.“ Menschen müssten erfahren, dass dies ihre Welt sei, auf die sie aufpassen müssten. Auch Oberbürgermeister Samet Yilmaz hob die Verbindung von Schöpfungsverantwortung und Gemeinschaft hervor: „Hier wird gelebte Verantwortung für die Schöpfung konkret und sichtbar.“ Zugleich sei der Pfad ein Ort, der Menschen zusammenbringe. „Gerade in den heutigen Zeiten brauchen wir Orte, wo wir uns begegnen und austauschen können.“ Es gehe darum zu zeigen, dass alle gemeinsam Verantwortung tragen.
Ein Weg mit Geschichte rund um die Liebfrauenkirche
Ganz neu ist der Weg allerdings nicht. Er knüpft an einen älteren Weg mit Stationen zum Sonnengesang im Wäldchen bei der Liebfrauenkirche an, der ursprünglich von Franziskanerinnen angelegt worden war. Der Pfad diente schon damals als Gebetsweg und Rückzugsort.
Der aktuelle Weg wurde durch Mitglieder der Kirchengemeinde sowie interessierte Menschen aus dem Stadtteil und darüber hinaus gestaltet, die diesen gemeinsam pflegen und erhalten. Das soll den Hauptcharakter ausmachen: das positive Zusammenwirken verschiedener (auch ganz unterschiedlicher) Akteure im Sozialraum der Stadt.
Wie der Weg erkundet wird, bleibt den Besucherinnen und Besuchern selbst überlassen. „Der Pfad kann individuell gegangen werden – ob kreuz und quer oder den Nummern folgend“, erklärt Christian Walter vom Gemeindeteam Liebfrauen. Damit eignet sich der Weg sowohl für einen kurzen Spaziergang als auch für eine ausführlichere Beschäftigung mit den einzelnen Stationen.
Finanziert wurde der Weg als Bestandteil des Projekts „Verwurzelt und Vernetzt“ durch den Förderverein Liebfrauenkirche sowie den Innovationsfonds des Erzbistums Hamburg.

Paradiesgarten lädt zum Mitmachen ein
Besonders anschaulich wird der Gedanke der Schöpfungsverantwortung im Paradiesgarten, der zugleich die siebte Station des Franziskuspfades bildet. Dort stehen fünf Hochbeete, die im Laufe des Jahres mit Gemüse, Kräutern und Blumen bepflanzt werden. Gepflegt und beerntet werden sie gemeinsam von Gemeindemitgliedern und Menschen aus der Nachbarschaft.
Der Franziskuspfad und der Paradiesgarten sind ausdrücklich für alle Interessierten guten Willens und jeden Alters offen. Jeden Samstag in der Zeit von 10–12 Uhr können Interessierte bei der Pflege mithelfen. Damit bietet das Projekt neben dem Spaziergang auch eine Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam etwas zu schaffen. Meist gibt es zum Abschluss
einen kleinen Imbiss. CK
Die zehn Stationen des Franziskuspfades:
- Sonne und Gestirne – „Bruder Sonne“ steht für die Schönheit und Kraft der Schöpfung.
- Mond und Sterne – Die Gestirne werden als Teil der von Gott geschaffenen Welt betrachtet.
- Feuer – Das Element Feuer wird als kraftvoller Bestandteil der Schöpfung thematisiert.
- Wasser – „Schwester Wasser“ erinnert an die lebenswichtige Bedeutung des Wassers.
- Luft und Wind – Die Luft als Element und Grundlage allen Lebens steht im Mittelpunkt.
- Erde – „Mutter Erde“ verweist auf die Verbundenheit des Menschen mit der Natur.
- Paradiesgarten – Der Garten macht Schöpfungsverantwortung praktisch erfahrbar und lädt zum gemeinsamen Gärtnern ein.
- Krankheit – Krankheit wird im Sonnengesang als Teil des menschlichen Lebens angenommen.
- Tod – Auch der Tod wird als „Schwester“ in den Kreislauf des Lebens eingeordnet.
- Schöpfung und Verantwortung – Über allem steht die Verantwortung des Menschen für die von Gott geschaffene Welt und das gemeinsame Handeln.

