Raus aus der Tabu-Zone

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Dreißig Prozent der über 65-Jährigen sind von Altersarmut bedroht – diese erschreckende Zahl betrifft nicht irgendwen irgendwo, sondern die Seniorinnen und Senioren in Kiel. Das Kieler Bündnis gegen Altersarmut e. V. informiert über Unterstützungsangebote und ermutigt Betroffene zum Mitmachen für mehr Offenheit.

Mitten in Kiel leben und doch nicht mittendrin sein – das ist die Folge von Altersarmut. In Kiel lässt sich mit Sicherheit sagen, dass sieben Prozent der Seniorinnen Grundsicherung beziehen, Tendenz steigend. Doch darüber hinaus ist die Dunkelziffer groß: Das Thema ist scham- und angstbesetzt, Betroffene wenden sich auch deshalb nicht an Unterstützungssysteme, weil sie befürchten, Angehörige würden zu ihrer Versorgung herangezogen. „Groschendreher“, das Kieler Bündnis gegen Altersarmut e. V., setzt sich für mehr Offenheit im Umgang mit Altersarmut ein, für Entstigmatisierung und mehr Teilhabe der Betroffenen. Zu diesem Zweck informieren die Mitglieder des Vereins über Unterstützungsangebote und Wege zu einem gesundheitsfördernden Leben – denn eingeschränkte finanzielle Möglichkeiten gehen oft zulasten der Gesundheit, die Folge ist verstärkter sozialer Rückzug. Dazu werden Betroffene ermutigt und unterstützt, von ihrer Situation zu berichten und sich gemeinsam für Verbesserungen einzusetzen. In Kiel soll so die Diskussion angeregt werden, wie die Lebenssituation der immer größeren Zahl an Betroffenen
verbessert werden kann. „Dadurch allein ist der Kühlschrank noch nicht voller“, ist sich die Koordinatorin des Bündnisses, Ann-Kathrin Kelle, nur zu bewusst. Sie weiß aber zugleich, dass eigenes Aktiv-Werden den Unterschied machen kann zwischen dem Gefühl der Ohnmacht und dem der Hoffnung. Neben der Information über Unterstützungsangebote wird mit konkreten Projekten geholfen: So wurden zuletzt durch Spenden finanzierte FFP2-Masken an Seniorinnen und Senioren verschickt, die diese telefonisch beim Verein bestellen konnten.
Doch vor allem geht es beim „Groschendreher“ darum, Menschen in der Bredouille eine Stimme zu geben – damit sie gemeinsam den Kopf wieder etwas höher tragen können. „Raus aus der Scham-Ecke“, das sei der Weg, sagt Ann- Kathrin Kelle. Damit stelle sich auch die Frage, wie wir alle in Kiel zukünftig (besser und mit weniger Tabus) miteinander umgehen wollen.
Sie ist von Berufs wegen optimistisch, dass da für alle noch ne ganze Menge drin ist. Das nächste Treffen des Forum Altersarmut findet statt am 19. August 2021 um 16 Uhr. Kontakt
unter www.groschendreher.de, Telefon 0431 / 55699251. Das Büro befindet sich in der Hamburger Chaussee 90.

Text: Sellhoff; Foto: ©Sellhoff