KIEL LOKAL-Interview mit Samet Yilmaz vor seinem Amtsantritt
Am 21. April 2026 wird der Russeer Bürger Samet Yilmaz (Bündnis 90 / Die Grünen) als Oberbürgermeister vereidigt. Er wird Nachfolger von Ulf Kämpfer (SPD) aus Hassee, der sich nach zwölf Jahren Amtszeit nicht wieder zur Wahl gestellt hatte.
Samet Yilmaz wurde 1981 in Kiel geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Als Sohn türkischer Gastarbeiter wuchs er im Stadtteil Gaarden auf. Über den zweiten Bildungsweg erwarb er die Hochschulreife und studierte anschließend an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Politikwissenschaft, Islamwissenschaft und Öffentliches Recht. Seit 2011 ist er im Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein tätig.
KIEL LOKAL-Redakteur Winfried Jöhnk traf Samet Yilmaz und stellte die folgenden Fragen:
Kommunalpolitik ist für Sie nichts Neues. Als Ratsherr haben Sie bereits viele Erfahrungen sammeln können. Bald sitzen Sie auf der anderen Seite und müssen als OB die Beschlüsse der Ratsversammlung umsetzen. Wie sehen Sie die Zusammenarbeit?
Als Oberbürgermeister bin ich in erster Linie Verwaltungschef und habe den klaren Auftrag, die Beschlüsse der Ratsversammlung zuverlässig und professionell umzusetzen. Gleichzeitig verstehe ich mich als Brückenbauer zwischen Politik und Verwaltung. Mir ist wichtig, die Zusammenarbeit mit allen demokratischen Parteien konstruktiv und respektvoll zu gestalten.
Welche Herausforderungen wollen Sie zuerst angehen?
Kiel steht vor mehreren großen Zukunftsaufgaben. Für mich haben bezahlbarer Wohnraum, eine moderne Verwaltung, wirtschaftliche Stärke und eine sichere sowie saubere Stadt oberste Priorität. Ich möchte schnell dafür sorgen, dass Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigt werden, damit mehr gebaut werden kann. Gleichzeitig geht es darum, unsere Stadt als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort zu stärken und den sozialen Zusammenhalt zu sichern. Kiel muss eine Stadt sein, in der Menschen gerne leben – unabhängig von Einkommen oder Herkunft.
Welche Unterstützung braucht die Stadt Kiel durch den Bund und das Land Schleswig-Holstein?
Die kommunalen Aufgaben wachsen stetig. Deshalb braucht Kiel verlässliche finanzielle Unterstützung für Infrastruktur, Klimaschutz, Bildung, Digitalisierung und Wohnungsbau.
Ich erwarte insbesondere:
- stärkere Beteiligung an den Kosten der Integration und sozialen Infrastruktur
- mehr Fördermittel für klimafreundliche Mobilität und ÖPNV
- Unterstützung bei der Digitalisierung der Verwaltung
- Programme zur Stärkung der Innenstädte
Kommunen dürfen mit diesen Herausforderungen nicht allein gelassen werden.
Die Kieler Innenstadt, speziell die Holstenstraße und der Alte Markt, müssen weiter aufgewertet werden. Welche Ideen haben Sie?
Unsere Innenstadt braucht mehr Aufenthaltsqualität, mehr Vielfalt und mehr Leben. Ich setze auf eine stärkere Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Kultur, Dienstleistungen und Wohnen, attraktive Plätze mit Grün, Sitzmöglichkeiten und Veranstaltungen, gezielte Ansiedlung innovativer Konzepte und Start-ups sowie bessere Erreichbarkeit – zu Fuß, mit dem Rad und mit dem ÖPNV. Die Innenstadt muss wieder ein Ort werden, an dem man sich gerne aufhält – nicht nur zum Einkaufen.
Ein klares Ja zur Stadtregionalbahn?
Ja. Ich sehe in einer modernen Stadtregional- bzw. Stadtbahn eine große Chance für klimafreundliche Mobilität, soziale Teilhabe und wirtschaftliche Entwicklung. Sie verbindet Stadt und Umland besser miteinander, entlastet unsere Straßen und macht Kiel attraktiver für Studierende, Fachkräfte und Unternehmen.
Mir ist dabei wichtig, dass die Finanzierung solide aufgestellt ist und die Bürgerinnen und Bürger transparent beteiligt werden. Gleichzeitig müssen wir auch die Lebensrealität vieler Menschen im Blick behalten: Steigende Kosten für Diesel und Benzin sowie die hohen Aufwendungen für den Führerschein zeigen, dass wir bezahlbare und verlässliche Alternativen zum Auto brauchen. Genau hier kann eine Stadtbahn einen entscheidenden Beitrag leisten.
Die Digitalisierung der Verwaltung steckt noch in den Kinderschuhen. Wo wollen Sie Schwerpunkte setzen?
Die Einschätzung, dass die Digitalisierung noch in den Kinderschuhen steckt, würde ich so nicht teilen. Wir haben bereits viele Fortschritte gemacht und verfügen über hochqualifizierte Mitarbeitende. Darauf können wir aufbauen.
Mein Ziel ist eine bürgerfreundliche, schnelle und konsequent digitale Verwaltung. Schwerpunkte sehe ich vor allem in der weiteren Digitalisierung von Anträgen und Genehmigungsverfahren, in einheitlichen und nutzerfreundlichen Serviceportalen, in mehr Online-Terminangeboten sowie in effizienteren internen Abläufen. Dazu gehören auch moderne IT-Strukturen und eine kontinuierliche Qualifizierung der Mitarbeitenden.
Für mich ist klar: Digitalisierung ist kein Selbstzweck – sie soll den Alltag der Menschen erleichtern, Zeit sparen, Kosten senken und die Verwaltung insgesamt leistungsfähiger machen.
In zwei Monaten feiern wir wieder die Kieler Woche. Mehr als eine Million Gäste werden dabei sein und mit uns eine fröhliche Woche genießen. Wo sehen sie ihr persönliches Highlight?
Die Kieler Woche ist ein einzigartiges Ereignis, das Sport, Kultur und internationale Begegnung verbindet. Mein persönliches Highlight ist die besondere Atmosphäre am Wasser – wenn Segelsport, Musik, Ehrenamt und Weltoffenheit zusammenkommen. Diese Woche zeigt, wofür Kiel steht: maritim, lebendig und tolerant.
Stichwort Olympische Spiele: Wenige Tage vor Ihrem Amtsantritt geben die Kielerinnen und Kieler ihr Votum zum Olympiastandort ab. Was sagt unser zukünftiger Oberbürgermeister?
Olympische Segelwettbewerbe in Kiel können eine große Chance für Infrastruktur, internationale Sichtbarkeit und wirtschaftliche Impulse sein.
Entscheidend ist: Die Bürgerinnen und Bürger müssen überzeugt sein. Transparenz, Nachhaltigkeit und ein realistisches Finanzierungskonzept sind für mich Voraussetzungen. Wichtig für mich ist auch die Einbeziehung der Gemeinden auf dem Ostufer der Förde.
Als langjähriger Vorsitzender des Ortsbeirates Russee/Hammer/Demühlen interessiert mich die geplante Zusammenarbeit mit den Kommunalpolitiker*innen
auf der untersten Ebene. Wollen Sie die Arbeit der Ortsbeiräte finanziell stärker unterstützen und ihnen auch mehr Entscheidungsrechte geben?
Ortsbeiräte sind ein unverzichtbarer Teil unserer lokalen Demokratie, weil sie nah an den Menschen sind und die Anliegen der Stadtteile unmittelbar aufnehmen. Diese Arbeit möchte ich stärken und sichtbarer machen. Dazu gehört für mich, Beteiligungsformate weiterzuentwickeln, zu prüfen, wo finanzielle Spielräume erweitert werden können, und Entscheidungsprozesse stärker dezentral zu organisieren. Gute Kommunalpolitik beginnt in den Stadtteilen – dort, wo Menschen ihren Alltag gestalten und Veränderungen direkt spürbar sind.
KIEL LOKAL wünscht Samet Yilmaz viel Erfolg bei seiner neuen Tätigkeit im Rathaus. WJ
