Weckruf gegen die Gleichgültigkeit

Foto: Carsten Frahm
Ja, das sind sie, die Momente, warum ich so gern auf Konzerte gehe. Angefangen beim Sänger, der jede Strophe seiner Texte mit Leidenschaft durchlebt und diese durch kluge oder auch mal launische Ansagen garniert.

Dabei tiegert er wie ein wildes Tier über die Bühne, fällt auf die Knie oder fällt zu Konzertende wie ein gefällter Baum einfach um.
Auch seine Begleitmusiker haben offensichtlich richtig Bock, auf der Bühne zu stehen. Sei es Bassist Stefan Reich, der beim Anschlagen der Seiten zuweilen wie ein Flummi umherspringt. Schlagzeuger Jonas vom Orde wirft die Sticks traumwandlerisch sicher durch die Luft, und Gitarrist „Arnaud“ Vogeler entlockt seinem Instrument die schönsten und höchsten Töne. Selbst wenn dabei mal eine Saite reißt, geht’s unbeirrt weiter.

Das alles konnten wir am Samstag in der Kieler Pumpe erleben – bei WellBad. Wer? Ich kannte die Band vorher auch nicht. Dabei gibt es die Hamburger Bluesrock-Formation schon 15 Jahre. Mit „Oyster & Pearl“ haben sie das vierte Album veröffentlicht. Einmal reingehört, war ich mir sicher: Diese Band muss ich live sehen. Solche Musik gehört einfach auf die Bühne. Da verdienen sie locker 100 von 100 möglichen Punkten.
Vor dem Konzert hatten wir von KIEL LOKAL die Möglichkeit, um ein Interview mit Sänger Daniel Welbat zu führen. Hierbei wurde nur allzu deutlich, wie sehr er für seine Musik brennt. „Ich mache das, weil ich das liebe“, betont er. „Das Erzählen von Kurzgeschichten hat mich schon immer interessiert.“

Wie ist er zum Blues gekommen? „Meine Eltern hatten eine riesige Schallplattensammlung. Anfangs habe ich die runden Scheiben dazu genutzt, um mich zum Teleportieren daraufzustellen. Als ich gemerkt habe, wozu die Platten gut sind, war ich sofort bis ins innerste Mark erschüttert. Mich hat das immer berührt.“
Blues ist wie Regen, sein Song „Sometimes sunshine“ bringt Sonnenschein. Oder? „Blues ist nicht nur traurig. Blues ist eine Waffe, um die Traurigkeit zu besiegen. Blues ist alles, was du daraus machst“, sagt Daniel Welbat und ergänzt: „Auf der Bühne kann ich mich gesundschreien, durch das Singen den Scherz zur Erlösung finden.“
Sein aktueller Lieblingssong ist die neue Single „Murderers“, ein Statement mit deutlicher Botschaft: „Wir sind alle Mörder, wenn wir nichts unternehmen. Wir dürfen nicht wegschauen und nur in unsere Handys starren. Wir müssen endlich die Ellenbogen ausfahren.“

In einer Welt, in der sich immer mehr Menschen hinter Bildschirmen und Egoismen verstecken, setzt „Murderers“ ein kraftvolles Statement gegen Ignoranz und Gleichgültigkeit. Warum haben wir verlernt, miteinander zu sprechen? Warum zählen nur noch persönliche Vorteile? Warum schreien wir online, aber schweigen im echten Leben?
„Ich, ich, ich, ich… sorry, das ist einfach scheiße! So wird das nichts mit dieser Welt“, so Daniel Welbat. „Wir sind nun mal alle ein Teil dieser irrsinnigen Weltkugel und damit haben wir auch eine Verpflichtung. Wir dürfen nicht wegschauen! Wir dürfen Unrecht nicht unkommentiert lassen! Wir müssen den Mund aufmachen. Und nicht nur online, sondern face to face, offline. In der Wirklichkeit. Da, wo die echten Menschen leben.“
Die Single reiht sich in das Konzept des aktuellen Albums „Oyster & Pearl“ ein. Daniel Welbat hat die Songs als musikalische „Wegbeschreibung“ für seine neugeborene Tochter geschrieben – ein Soundtrack für eine Welt voller Herausforderungen, Ungerechtigkeiten, aber auch Hoffnung und Kampfgeist.

„Dieses Album ist für meine Tochter – und für alle, die nicht aufhören wollen, für eine bessere Zukunft zu kämpfen“, so Welbat.
Wer WellBad nicht in der Pumpe sehen konnte, hat im Oktober noch die Möglichkeit einen der kommenden sieben Termine zu sehen:

02.10.  Isernhagen, Bluesgarage
04.10.  Worpswede, Music-Hall
11.10.  Cloppenburg, Kulturbahnhof
18.10.  Wolfsburg, Hallenbad
25.10.  Hamburg, Bahnhof Pauli
20.11.  Halle, Objekt 5
22.11.  Berlin, Frannz Club