„Wohnen für Hilfe“: Wohnpartnerschaften verbinden Generationen

Wohnen für Hilfe: Melissa Peters und Frau Dr. Gisela von Ondarza
Fotos: Anna Maria Bader

Eine Kieler Studentin suchte ein Zimmer. Eine Molfseerin in ihren 70ern hatte Platz im Haus und ohnehin Lust auf den Kontakt zu jungen Menschen. Nun profitieren beide Frauen schon seit einem Jahr von einer ganz besonderen Wohngemeinschaft.

Melissa Peters, 24, studierte im zehnten Semester evangelische Theologie, als sie im August letzten Jahres aufgrund der erreichten maximalen Wohndauer aus ihrem Studentenwohnheim ausziehen musste und eine neue Unterkunft in Kiel suchte. Ein Plakat an der Uni machte sie neugierig: „Wohnen für Hilfe“, wurde darauf beworben; ein Projekt des Studentenwerks Schleswig-Holstein, das Menschen ganz unterschiedlicher Generationen und Lebenssituationen zueinander bringt.

Hilfe statt Miete: Das Prinzip der Wohnpartnerschaft

Studierende können dabei dringend benötigten Wohnraum finden. Seniorinnen und Senioren, aber auch Familien oder Menschen mit Behinderung profitieren ebenfalls davon. Denn: Viele Menschen, gerade ältere, leben in geräumigen Wohnungen oder Häusern allein, hegen jedoch oft den Wunsch nach Gesellschaft. Bei der sogenannten Wohnpartnerschaft stellen sie den Studierenden Wohnraum zur Verfügung. Eine klassische Miete wird dabei nicht berechnet. Die vereinbarte Währung heißt Hilfe – und zwar gemäß der Regel „pro Quadratmeter Wohnraum eine Stunde Hilfe im Monat“. Dazu kommen nur noch anteilige Nebenkosten für Heizung und Strom.

Ein Konzept, das Melissa Peters sofort überzeugte. Rasch füllte sie den Bewerbungsbogen für Zimmersuchende aus, trug die üblichen Daten, aber auch persönliche Dinge wie beispielsweise ihr Hobby, in die Zeilen ein: ihre Liebe zur Musik, zum Spielen diverser Blockflöten.
Es wurde zum Türöffner, denn auch Dr. Gisela von Ondarza hatte sich beim Studentenwerk registriert – als Wohnraumanbieterin im Süden von Kiel. „Ich bin vor 14 Jahren über eine Notiz in der Pfarrgemeinde darauf aufmerksam geworden“, erzählt die 76-Jährige, die seit 25 Jahren ihr Haus in Molfsee bewohnt und mit Melissa Peters bereits die vierte Wohnpartnerschaft einging.
„Für mich ist es eine Chance, Kontakt zu jungen Leuten zu haben“, erzählt die promovierte Neuropsychologin, „und meine Toleranzgrenze etwas auszuweiten“, wie sie mit einem Augenzwinkern hinzufügt.

Alltag zwischen Hilfe, Austausch und gemeinsamer Freizeit

Groß herausgefordert wurde sie in all den Jahren jedoch nie. Im Gegenteil. Regelrechte Freundschaften seien mit der Zeit entstanden. Den Kontakt halte sie bis heute. Und auch mit Melissa Peters ist die Wohnpartnerschaft längst so viel mehr als eine reine Zweckgemeinschaft: Sonntagnachmittags musizieren die beiden gemeinsam, denn auch von Ondarza spielt ein Instrument – Violoncello.

Wohnen für Hilfe: Melissa Peters und Gisela von Ondarzs beim gemeinsamen Musizieren
Haben nicht nur die gleiche Adresse, sondern teilen auch so manches Hobby: Dr. Gisela von Ondarza und Melissa Peters beim gemeinsamen Musizieren.

„Ich war ganz elektrisiert, als ich las: montags Orchester“, erinnert sie sich an das Auswahlverfahren zurück. Auch strickend oder lesend sitzen die Frauen immer wieder gemeinsam im Wohnzimmer, tauschen sich über viele Themen aus.

Flexible Absprachen statt starrer Wohnregeln

Ihre Haushalte führen die beiden parallel, schon allein wegen unterschiedlicher Uhrzeiten im Alltag. Und die Aufgaben, die Hilfen, die Melissa für ihr Zimmer zu leisten hat? „Das handhaben wir relativ locker“, schildert von Ondarza. Es ist nur ein kleines Zimmer von acht Quadratmetern, das Melissa bewohnt.

Wohnen für Hilfe: Melissa Peters Zimmer in Molfsee
Klein, aber fein: Melissa Peters ergänzte das möblierte Dachzimmer nur um einen Kleiderschrank und ein Regal – und fühlt sich in Molfsee rundum wohl.

Dafür gibt es noch ein eigenes Gäste-WC mit Dusche. Umgerechnet ergeben sich daraus zwei Stunden Hilfe pro Woche. Da die Seniorin noch äußerst rüstig ist und ihr Grundstück mit gärtnerischer Unterstützung stets in Schuss hält, fallen für die Studentin ganz flexible Aufgaben an.
„Ich füttere den Kater, backe Kuchen, wenn Besuch kommt, habe Weihnachtskarten gestaltet, Schnee geräumt“, zählt Melissa auf, während auf der Kommode schon ihre nächsten Arbeiten bereitstehen – liebevoll gebastelte Tischkärtchen für eine Einladung ihrer Wohnpartnerin zu einem Tapas-Abend mit Freunden.
Und wenn sie selbst mal Besuch bekommt? Dann sprechen die Frauen sich einfach ab. Auch Übernachtungsbesuch wäre problemlos möglich, sagt die Hausherrin.

Vorteile für beide Seiten: Gesellschaft und Wohnraum

Das einzige Manko ist vielleicht die Entfernung zur Uni. „Ich verbringe schon viel Zeit im Bus“, gesteht die Theologiestudentin. Doch das spielte bei ihrer Entscheidung eine untergeordnete Rolle. Das Menschliche war ihr „viel wichtiger“. Und das „genießen wir richtig“, freut sich Wohnpartnerin von Ondarza. Ob sie das Wohnprojekt auch anderen empfehlen würde? Die Molfseerin muss nicht überlegen. „Unbedingt“, schießt es gleich aus ihr hervor, und auch Melissa Peters nickt mit großer Zustimmung. Ein Jahr wird sie bis zum Studienabschluss noch in Molfsee verbringen. Dass dieses schön wird, davon sind beide Frauen jetzt schon überzeugt. AB