Zocken um Füchse und Kreuzdamen

Ruhe vor dem Sturm im VfB-Clubheim, wo sich der Doppelkopfverein mittwochs trifft. Gleich werden die Tische ausgelost. Danach wird niemand mehr geschont.

„1. Kieler Doppelkopf-Runde“ feiert 45-jähriges Bestehen und lädt Interessierte mittwochs ins VfB-Heim ein

Als der KIEL LOKAL-Reporter um 18 Uhr die Spielstätte im VfB-Clubheim betritt, sind bereits die ersten Spieler vor Ort. In der kommenden halben Stunde füllen sich die Stühle um die Spieltische mit etwa 20 auf den ersten Blick ganz harmlos erscheinenden Menschen zwischen 60 und 94 Jahren.

Wie bei guten Gastgebern üblich, wird dem Neuankömmling auch gleich angeboten, diesen Abend mal mitzuspielen. Gern wird das Angebot angenommen. Was kann schon passieren? In einem Nebensatz raunt die Vereinsvorsitzende Gila Kibbat dem Neuling noch etwas von „Welpenschutz“ zu. Das Augenzwinkern verrät: Gnade ist nicht zu erwarten.
Bevor es zum ernsten Teil des Abends geht, verliest Gila Kibbat die Auswertung der Vorwoche und zitiert die Highlights aus der Jahres-Rangliste. Außerdem geht das erste Getränk auf den Verein, denn es gibt etwas zu feiern: Auf den Tag genau ist es 45 Jahre her, dass die Gründungsurkunde unterzeichnet wurde. Seitdem hat die Begeisterung für die „Königin der Kartenspiele“ nicht nachgelassen. Unter dem Dach des Vereins „1. Kieler Doppelkopf-Runde“ gibt es seitdem jede Woche Kartenkloppen und einiges mehr.
Aber selbst das Jubiläum ist kein Grund, die Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen. Nach dem Auslosen der Tische beginnt der Spaß. Der heutige Gast kommt extra an einen Tisch mit selbst genähter Doppelkopf-Tischdecke. Wie zuvorkommend! Aber damit endet das Bauchpinseln. In den folgenden drei Stunden wird der Neue von den spielstarken „Alten Hasen“ nach allen Regeln der Kunst unter den Tisch gespielt.

Fazit: Dieses facettenreiche Spiel ist jedes Mal anders und von Neuem spannend. Es macht unglaublich viel Spaß und bringt das Gehirn kräftig in Wallung. Wer das durchsteht, der ist reif für den Verein. Gila berichtet von „Jahrhundertblättern“ – zwei davon allein an diesem Abend. Sie lassen ihren Punktestand in astronomische Höhen schnellen. „Manchmal bekommt man den ganzen Abend nur blöde Karten“, tröstet sie den Gast im Tabellenkeller. „Meine Schwester hat schon mal den Stuhl getauscht. Definitiv steht der Spaß an erster Stelle. Keiner sieht es verbissen. Was wir nicht machen: Wir bringen den Neuen kein Doppelkopf bei. Dreimal haben sie Welpenschutz, dann wird es ernst.“
Gila Kibbat wurde das Kartenspiel quasi in die Wiege gelegt. Ihre Eltern begeisterten sie schon in früher Kindheit für Canasta, dann folgten Schafkopf, Skat und Doppelkopf. Während ihr Bruder einen Skat-Club gründete, lässt sie der Doppelkopf nicht mehr los.
Im Verein spielen heute 26 aktive Mitglieder. Von den Gründungsmitgliedern ist nur noch eins am Leben.

Gemeinsam weit über 100 Jahre Spielerfahrung im Verein: Katrin, Gila, Günter, Bruni, Diethart (von links) Fotos: Jens Uwe Mollenhauer

Schon seit Längerem schrumpft die Zahl der Spieler. Nicht etwa, weil es keinen Spaß mehr machte, sondern weil den Verein langsam, aber sicher das Schicksal der Überalterung ereilt. Denn wie so oft wurde im Rausch des „Kartengemetzels“ ein wesentlicher Aspekt vernachlässigt: die Nachwuchsarbeit.
Günter Ehmk (94) ist seit 31 Jahren dabei, Diethart Gatz (87) erst seit 25 Jahren. Bei allen Regelfragen ist er als Spielleiter die letzte Instanz. Auch so weiß er einiges zu berichten. „In den 80er- und 90er-Jahren sind wir auf Turniere bis nach Amerika gefahren.“ Das war noch vor seiner Zeit. Und: „Bei der Marine konnte man im 7. Schnellbootgeschwader nur Kommandant werden, wenn man Doppelkopf konnte.“
Ulla Schmidt (79) ist die Dienstälteste und aktuell auf der Jahres-Rangliste auf Platz drei. Bruni (87) führt die Liste an.

Gila Kibbat weiß zu berichten: „Einige sind erst mit über 90 eingetreten. Wer einmal dabei ist, der bleibt. Wir haben es nur selten, dass jemand nach einem Jahr wieder austritt, weil ihm das alles hier zu doof ist.“

„Überhaupt ist der Doppelkopf-Verein gar kein eingetragener Verein. Aber einen Vorstand haben wir trotzdem“, berichtet die Vorsitzende. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass die Beträge in voller Höhe an die Mitglieder zurückfließen – als Preisgelder oder in Form von Kaffee und Kuchen bei den Turnieren und einer zünftigen Feier am Jahresende.
Um das Wohl der Spieler kümmern sich die Mitarbeitenden des VfB-Clubheims rührend. Eine Saalmiete wird nicht erhoben. Aber selbstverständlich wird ein gewisser Verzehr an Getränken vorausgesetzt. Mit fünf Euro im Monat ist der Vereinsbeitrag äußerst moderat. Außerdem ist es möglich, durch ein hochwertiges Spiel wieder einiges hereinzuholen.

Doppelkopf ist generationenübergreifend eins der beliebtesten Spiele überhaupt. Da sollte es doch möglich sein, auch die jüngere Generation vom Vereinsspiel zu überzeugen.
Vielleicht liegt es einfach daran, dass zu wenige Doppelkopfbegeisterte im Kieler Süden überhaupt schon mal etwas von der Spielrunde gehört haben. Das sollte sich jetzt ändern.
Etwas nachdenklich fügt die Vorsitzende hinzu: „Wir denken auch über neue Formate nach. Vorstellbar wäre, ein öffentliches Turnier zu veranstalten, wo jedermann gegen ein kleines Startgeld seine Doppelkopf-Kompetenz auf den Prüfstand stellen kann.“ In der nächsten Zeit werden wir also wohl noch mehr von der 1. Kieler Doppelkopf-Runde hören.

Das Einzige, was bei privaten Doppelkopfrunden als kleine „Schwierigkeit“ ins Feld geführt wird, ist die Einigung auf gemeinsame Spielregeln – und das kann durchaus auch mal zu hitzigen Diskussionen führen. So strikt wie beim Skat geht es beim Doppelkopf nämlich nicht zu. Da gibt es zahllose Varianten und Zusatzregeln, die dem Spiel noch ein wenig Extrawürze verleihen sollen. Als wäre es nicht ohnehin schon anspruchsvoll genug.
Das jedoch hat der Doppelkopf-Verein für sich ganz klar gelöst. Gespielt wird einheitlich: immer und ohne Ausnahme nach den Regularien des Deutschen Doppelkopf-Verbandes.
Die 1. Kieler Doppelkopf-Runde trifft sich jeden Mittwoch ab 18 Uhr im VfB-Clubheim an der Waldwiese, Hamburger Chaussee 79. Spielbeginn ist 18.30 Uhr. Fragen beantwortet die Vorsitzende Gila Kibbat unter Telefon 0172/ 4117207. JM

 

Neue Doppelkopf-Gruppe

Um im Verein Doppelkopf zu spielen, ist eine gewisse Spielstärke Voraussetzung. Was macht aber, wer gerade erst damit angefangen hat oder nach langer Abstinenz wieder reinkommen möchte? Manch Doppelkopfbegeisterter im Kieler Süden sehnt sich nach Gleichgesinnten. Denn es werden immer mindestens vier Spieler benötigt.
Im anna-Netzwerk gibt es seit Längerem Bestrebungen, Doppelkopfbegeisterte miteinander in Kontakt zu bringen und wenn möglich auch Spielrunden „voll zu bekommen“.
Wer Interesse hat, kann alle zwei Wochen donnerstags zum Basisgruppentreffen der anna Hassee (Hamburger Chaussee 75) kommen. Die nächsten Termine sind am 15. und 29. Januar 2026 sowie am 12. und 26. Februar. Beginn ist um 18 Uhr.