„Auf was soll ich noch warten?“

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Schon in der Schulzeit hat Gundula Boehnke-Naujoks sehr gerne gemalt. Das Talent für die Malerei liegt bei ihr in der Familie. Eigentlich wollte sie Künstlerin werden, doch dazu ist es erst spät gekommen, sehr spät.

In ihrer Jugend hatte sich die heute 53-jährige Russeerin zur Muthesius Kunsthochschule angemeldet und sogar eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten. „Ich hatte einfach zu viel Muffensausen und bin nicht hingegangen. Meine Eltern sagten mir, dass ich was Anständiges lernen soll“, erklärt sie wehmütig. Eine Entscheidung, die sie bis heute bereut. Stattdessen absolvierte Gundula eine „anständige“ Lehre zur medizinisch-technischen Laborassistentin.
Erst seit einer Krankheit geht sie ihrer Bestimmung nach, entwickelt eine eigene Maltechnik und stellt ihre Werke jetzt erstmals auf der Kunstmeile im CITTI-PARK aus.

Atelierbesuch in Russee
Gundula und ihr Mann Torsten empfangen KIEL LOKAL in der Johann-Heuck-Straße. Wir gehen durch die Terrassentür über die Wendeltreppe, vorbei an ihrem ersten „großen Kunstwerk“, wie sie mit strahlenden Augen verrät, und lassen uns im ehemaligen Zimmer ihrer Tochter nieder. Jetzt ist es ihr Atelier! Gundula setzt sich auf ihren Arbeitsstuhl am Schreibtisch. Ihre Werke sind an der Wand aufgestellt. Ihr ist anzusehen, wie wohl sich in diesem Raum fühlt.

Wenig Zeit für ihre Leidenschaft
Als alleinerziehende Mutter hatte sie früher kaum Zeit für sich und ihre Leidenschaft. Eine Kita hatte damals nur von 8 bis höchstens 13 Uhr geöffnet. Abends, wenn ihr Kind schlief, half sie einer Kollegin, deren Holzschnitte zu bemalen.
Erste Acrylbilder auf Leinwänden entstanden, um ihr eigenes Heim zu verschönern. In diesem Jahr hat sie mit der Aquarellmalerei begonnen, möchte dies weiter verfestigen und in ihr Kunstrepertoire einfließen lassen. Einige dieser kleinen Kunstwerke werden auf der Kunstmeile präsentiert. Ihre Lieblingsmotive sind das Meer, Segelboote und Landschaften.

Krankheit als Chance begriffen
Durch ihre Krankheit kann sie ihren Beruf momentan nicht ausüben und schafft es maximal, eine halbe Stunde am Tag zu malen. Nur einige Linien kann sie mit Pinsel nachziehen. Deshalb hat sie sich selbst eine neue Technik beigebracht. Gundula begriff ihre Krankheit als Chance. Sie zieht sich beim Malen Handschuhe an, trägt die Farben auf Pappstücke auf und zieht damit Farbmuster auf die Leinwand. „Ich habe mich quasi selbst zur Handmalerei umgeschult. Man findet immer Mittel und Wege. Und ich muss sagen, dass ich durch den direkten Kontakt ein viel besseres Gefühl zur Malerei bekomme“, erklärt sie begeistert.
Die Krankheit hat sie zum Umdenken bewegt. „Auf was soll ich noch warten? Was soll denn noch passieren, damit ich endlich anfange?“, erklärt sie energisch.

Traum von eigener Galerie
Eigentlich wollte sie in diesem Jahr mit ihrer Cousine (Malerei) und ihrer 22-jährigen Tochter (Fotografie) im Popup-Pavillon generationsübergreifende Kunst ausstellen. Dies fiel aus bekannten Gründen ins Wasser.
Die Künstlerin, deren Ziel es ist, eine Galerie zu eröffnen, fördert aufgrund ihres eigenen Lebensweges ihre Tochter umso mehr. Sie hat Luka ermutigt, Fotografie zu studieren, um nicht den selben Fehler zu machen. Ihr Mann steht ihr zur Seite und unterstützt sie in ihrer Schaffenskraft.
„Die Malerei ist spannend. Etwas Neues entstehen zu sehen, bereitet mir immer wieder unheimlich viel Freude. Die Malerei erdet mich“, erklärt Gundula Boehnke-Naujoks abschließend.
Einen Einblick in ihr künstlerisches Schaffen und Wirken gibt die Website www.boehnkenaujoks.de.

Text: Puderbach; Foto: ©Puderbach