
Das Schulmuseum in der Rendsburger Landstraße wird jetzt selbst Geschichte
Generationen von Hasseer Grundschülern der Theodor-Heuss-Schule erinnern sich lebhaft an spannende Exponate, die es wohl in kaum einer anderen Grundschule im Kieler Raum zu sehen gab.
Schaurige Geschichten aus der Zeit der Schwarzen Pädagogik ranken sich um Eselsmaske und Rohrstock. Original-Bänke aus einer anderen Zeit ließen das schulische Sitzerlebnis der vorletzten Jahrhundertwende noch einmal erlebbar werden. Auch der alte Schulmeister stand noch daneben, freilich, ohne dass seine Züchtigungen noch zu fürchten wäre, denn er war ja nur noch eine lebensgroße Puppe.

Die Technik-Exponate in den Vitrinen in den Gängen ließen die Herzen angehender Jungwissenschaftler einen Tick schneller schlagen. Die gemalten Wandkarten für den Biologieunterricht und detaillierte Modelle erfreuten das Auge der Betrachter.
In diesem Jahr hätte das Hasseer Schulmuseum sein 30-jähriges Jubiläum begangen. Wohlgemerkt hätte, denn es ist nicht mehr da.

Als Dieter Sievers 1995 Rektor der damals neu entstandenen Grundschule in der Rendsburger Landstraße 127d wurde, da hatte er dem Neubau bereits das Schulmuseum in die Wiege gelegt. Schon damals war es nicht möglich, zusätzliche Räume über den eigentlichen Bedarf hinaus einzuplanen. Mit einem Augenzwinkern erzählt Sievers heute, wie es ihm trotzdem gelang: Eine große Empore, offene, weite Räume und breite Gänge sollten ein Höchstmaß an Aufenthaltsqualität schaffen. Dieses Raumkonzept erschien den Architekten schlüssig und so war am Ende genug Platz da – für das Lieblingsprojekt des Rektors: das Schulmuseum.

Fotos: Jens Uwe Mollenhauer
Seit Ende der 80er-Jahre hat Sievers akribisch gesammelt, was aufhebenswert war. Endlich gab es einen öffentlichen Platz dafür. Bald geriet dieser aber an seine Grenzen. Ausstellungsflächen und Abstellräume reichten für die Fülle der Exponate bei weitem nicht aus. Der allergrößte Teil der Sammlung ruhte daher sicher, aber unsichtbar unter der Turnhalle der Uwe-Jens-Lornsen-Schule in Hammer.
So wie er den Grundstein des Museums gelegt hat, initiierte Sievers auch dessen Ende. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2003 setzte er sich für die Einrichtung von verbindlichen Ganztagsschulen ein. 22 Jahre später ist es soweit. Ursprünglich sollte es zusätzliche Räume durch einen Erweiterungsbau geben. Doch der ist dem Rotstift zum Opfer gefallen. Bleiben nur die Empore und die Gänge als Erweiterungsflächen. Der Nadelfilz aus dem Eröffnungsjahr musste auch raus. Kurzum: Das Museum musste jetzt weg. KIEL LOKAL
hat einen letzten Rundgang gemacht. Die stellvertretende Schulleiterin Frauke Grohmann blickt ein wenig wehmütig zurück, denn nun verschwindet ein Stück Kultur aus dem Stadtteil. Gleichzeitig richtet sie den Blick nach vorne: „Die Umwandlung der Theodor-Heuss-Schule in eine verbindliche Ganztagsschule ist notwendig und folgerichtig.“
Corona markierte den Anfang vom Ende
Genaugenommen hat der lange Abschied vom Schulmuseum bereits mit der Corona-Krise begonnen. „Das war ein ziemlicher Einschnitt. Seit Corona habe ich nur noch wenige Unterrichtstage gemacht“, bedauert Sievers. An seinem 85. Geburtstag beendete Sievers offiziell das ehrenamtliche Projekt Schulmuseum. „Es wurde auch zu anstrengend.“
Doch ein Nachfolger zeichnete sich nicht ab. Und so ging das Ehrenamt für den nun bald 88-Jährigen – etwas niedertouriger – bis vor kurzem weiter.
Kieler Stadtmuseum übernimmt alle Exponate
Wehmut schwingt in Sievers Stimme nicht an, denn es hat sich eine
Lösung für das Schulmuseum gefunden. Die Sammlung ist so bedeutend, dass das Kieler Stadtmuseum das komplette Inventar übernommen hat. Nur zwei der Vitrinen bleiben als Dauerleihgabe in der Grundschule. Der Rest wird erst einmal eingelagert und soll ins Schaudepot im Wissenschaftspark.
„Ich bin sehr dankbar und froh, dass die Sammlung jetzt profimäßig betreut wird. Es konnte nichts Besseres passieren. Einziger Wermutstropfen ist, dass im Moment keine Ausstellungsmöglichkeit mehr da ist“, meint Sievers mit Blick auf den Abtransport des umfangreichen Inventars. „Alles wird jetzt digital inventarisiert.“
An Langeweile wird der frühere Schulleiter in Zukunft auf keinen Fall leiden. Seit 1976 füllt er ein reiches Ehrenamtsleben in der St.-Nikolai-Gemeinde aus. Auch wenn er seine Kräfte nun etwas schonen muss, ist immer viel zu tun: bei der Ausgabe von kostenlosen Essensgutscheinen für Bedürftige, bei Aufsichtsdiensten in der Nikolaikirche – Dinge, die er heute noch vertretungsweise macht. „Und das kommt relativ häufig vor“, wie Sievers schmunzelnd anmerkt. Seine Cousine wartet im Pflegeheim schon auf seinen regelmäßigen Besuch, und außerdem halten ihn die beiden Enkelkinder und ein arbeitsintensiver Garten auf Trab. „Ich kann froh und dankbar sein, dass es mit der Gesundheit alles noch so gut klappt. Nur die Pausen werden länger.“ JM