Heute schon getschippt?

Beim tschip geht es um genaues Zielen – mit einem Fußball zu zweit oder in der Mannschaft.

Neue Trendsportart beim VfB Kiel auf dem Sportplatz Waldwiese

Sagt Ihnen der Begriff „tschip“ überhaupt etwas? Oder denken Sie dabei an das kleine elektronische Überwachungstool, das Ihr Hund unters Fell implantiert bekommen hat? Ganz
weit daneben!

Tschip ist das ideale Schulhof-, Hinterhof- und Stadtparkspiel. Einfache Regeln und minimales Zubehör – das ist das Geheimnis einer charmanten Spielidee, die gleichermaßen Jung und Alt in ihren Bann zieht.
Alles, was hierfür benötigt wird, sind ein Fußball, einige Quadratmeter Platz und eine alte Fahrradfelge ohne Speichen, die etwas erhöht aufgebaut wird. Sicherlich tut es auch ein Fahrradkorb, eine Maurerbütt oder etwas anderes, was einen weich gelupften, wohlgezielten Ball aufnimmt, ohne gleich umzukippen.
Wie wir sehen werden, ist das Spielkonzept seinen Kinderschuhen mittlerweile entwachsen. Infolgedessen gibt es bereits professionelles Equipment und passende Klamotten, was natürlich auch seinen Preis hat und kein Muss ist.
Die Spielanleitung ist bewusst variabel gehalten, damit es viele Möglichkeiten zur individuellen Abwandlung gibt – je nach Spielerzahl und verfügbarem Platz.
Zentrales Merkmal des Spiels: Der Ball darf nur einmal kurz berührt werden und soll dann in den Ring treffen. Dabei ist es ein Unterschied, ob der Ball aus der Bewegung heraus ins Ziel gekickt wird oder ob der Spieler ganz ruhig Maß nehmen kann. Letzteres ist allerdings nur einen Punkt wert, während alle Schüsse mit höherem akrobatischen Niveau wertiger honoriert werden – z. B. Mehrfach-Dittscher oder Trick-Shots mit Rabona, Hacke oder gar Fallrückzieher. Auch für Weitschüsse gibt es Zusatzpunkte. Natürlich darf kein Spieler den Torraum betreten. Es soll nicht zu einfach werden! Hört sich einfach an? Ist es aber nicht!
Was hat nun der Stadtteil Hassee damit zu tun? Eine ganze Menge! Denn das Spiel wurde vor zwölf Jahren von drei ballsportbegeisterten Jungs aus dem Kieler Süden erfunden und seitdem weiterentwickelt. Als es endlich einen turniertauglichen Standard erreicht hatte, wurde konsequenterweise gleich eine Weltmeisterschaft ausgerichtet – alles mit maximalem Spaßfaktor und einer gehörigen Portion Augenzwinkern. Die Idee nimmt Fahrt auf und gewinnt eine Eigendynamik, die anfangs niemand für möglich gehalten hätte. Am ersten Kieler-Woche-Wochenende fand im VfB-Stadion an der Waldwiese bereits die fünfte tschip-WM statt.

Voller Rasen: tschip trendet als neuer Mitmach-Sport.

Mitmachen lautet die Devise. Die Ränge sind fast leer, das Spielfeld voll. 48 Zweierteams sind angetreten. Schon die Namen der Teams lassen erkennen, dass ganz klar der Spaß im Vordergrund steht. Da spielen „AS Tralkörper“ gegen „Schnick Schnack“, „Tschip-Storm“ gegen „Tschippendales“. Aufgerufen werden Teams wie „Die Silbersäcke“, „Die Naschkatzen“, „Ein Team zwei Krücken“ und „Erste Runde Raus“, „Kebab Connection“, „Tschicas“ oder „Tschip happens“. Auch wenn die Herren klar in der Überzahl sind, die Damen lassen sich nicht lumpen. Es gibt keine Altersgrenze und auch keine zwischen den Geschlechtern. Die Jugend ist voll dabei: Am zweiten WM-Tag traten die Nachwuchs-Tschipper mit 24 Teams an.
Nico Florean, seit seiner Kindheit Vereinsmitglied und von 2022 an Erster Vorsitzender des VfB, freut sich, dass der Verein mit tschip in den letzten Jahren eine neue Abteilung etablieren konnte. Und er fügt nicht ohne Stolz hinzu: So viel Zuversicht war nicht immer selbstverständlich. Noch vor nicht allzu langer Zeit musste der VfB seine Tennissparte aufgeben. „Die Nachwuchsarbeit war vernachlässigt worden. Dann ist irgendwann Schluss.“ Nun harren drei Tennisplätze der dringend notwendigen Sanierung. Doch die schlägt mit 40.000 Euro zu Buche – pro Platz! Wobei mehr als fraglich ist, ob es jemals wieder eine Tennis-Abteilung geben wird. Ein pragmatischer Ansatz, der nun weiterverfolgt wird, ist der Umbau der alten Tennisplätze in eine Multifunktionsanlage. Auch die wird teuer, ist aber am Ende vielfältiger nutzbar. Da kommt es ausgesprochen gelegen, dass tschip in dieser Hinsicht eine sehr anspruchslose Sportart ist.
„Vor ein paar Jahren sah ich den Verein mit seinen ca. 300 Mitgliedern schon am Abgrund. Aber aktuell passiert hier sehr viel, besonders beim Jugendfußball“, so Florean, der selbst eine Jugendmannschaft trainiert. „Das bietet Anlass zu großer Hoffnung.“ Nur ist der Platz aktuell noch nicht in einem zufriedenstellenden Zustand.
Durch die Holstein Women, die an der Waldwiese spielen und den Bundesliga-Aufstieg anstreben, wird es „Auflagen ohne Ende geben“, so Florean. Dann muss beispielsweise eine neue Tribüne her. Die Stadt Kiel als Eigentümerin des Platzes wird sich der Sache annehmen und zudem den Rasen erneuern.
„Durch Zusammenarbeit mit Politik und Stadt Kiel hoffen wir, beide überzeugen zu können, dass ein Kunstrasen für alle Beteiligten zwingend notwendig wäre. Ansonsten wird es öfter nötig sein, auf andere Plätze auszuweichen.“  JM

Die tschip-Erfinder, von links: Pascal Entinger, Tim Bethke, Timo Bruns und Jan Wesuls zusammen mit dem VfB-Vorsitzenden Nico Florean                                   Fotos:Jens Uwe Mollenhauer