
Demokratieprojekt startet am 27. November mit Vorträgen und historischen Stadtteilrundgängen
Das Demokratieprojekt an der Michaeliskirche möchte für Aufklärung sorgen. Dazu startet jetzt die auf ein bis zwei Jahre angelegte Veranstaltungsreihe.
Es geht beispielsweise um das Erkennen rassistischer und rechtsextremer Symbolik im öffentlichen Raum oder um die nicht immer ganz einfache Zuordnung bestimmter Gruppierungen zum rechtsextremen Spektrum, z. B. Reichsbürger, Corona-Leugner, Gelbwesten-Bewegung, Antisemiten, Rassisten, Verschwörungserzähler, Besorgte Bürger, Querdenker etc.
Es geht auch um Selbstreflexion in Sachen Alltagsrassismus und den geeigneten Umgang mit Extremisten durch Widerspruch und Zivilcourage.
Neben Vorträgen und Lesungen sind Workshops geplant. Auch Rundgänge zu Schauplätzen des Naziterrors und der Demokratie-Geschichte im Kieler Süden sind in Vorbereitung.
Start des Matrosenaufstands
In Sachen demokratischer Tradition hat sich im Kieler Süden – was vielen nicht bewusst ist – durchaus Bedeutsames zugetragen. Hier (genauer: am Vieburger Gehölz auf dem ehemaligen Exerzierplatz)versammelten sich Anfang November 1918 wütende kriegsmüde Matrosen, bevor sie zu Tausenden in die Feldstraße zogen und maßgeblichen Anteil daran hatten, das
Kaiserreich zu Fall zu bringen – was von Rechtsnationalen bis Rechtsextremen als „Dolchstoß“ diffamiert wurde. Der Ort der sogenannten „Reichsadler“-Rotbuche markiert auf seine Weise das Ende des Kaiserreichs.
Wo einst die Nazis gefeiert haben
In der Nazizeit wiederum war – fast in Rufweite dieses beschaulichen Orts – das beliebte Etablissement „Waldwiese“ am Standort der heutigen Seniorenresidenz Waldwiese ein Ort, der sich durch zahlreiche NS-Veranstaltungen hervortat, womit nach zwei Bombentreffern 1944 freilich Schluss war. Genau dieser Ort ist Startpunkt für die geschichtlichen Rundgänge mit Klaus Hein-Mooren und Karl Stanjek.
Mehrere Stadtteil-Rundgänge
Los geht es mit einem Rundgang zu sechs Schauplätzen zum Themenschwerpunkt Geschichte der Demokratie: vom Matrosenaufstand über die sogenannte SA-Siedlung zum „Otto-Streibel-Bunker“, von den Flakstellungen am Krummbogen zur „parlamentarischen Wiege“ des Schleswig-Holsteinischen Landtags in der Fröbelstraße.
Termine sind am Samstag, 30. November und 14. Dezember, um 14 Uhr. Treffpunkt ist vor der Residenz Waldwiese, Von-der-Goltz-Allee 2. Die Strecke ist etwa 2,5 Kilometer lang. Rückfragen zum Rundgang an karl.stanjek@posteo.de

Vortrag über Rechtsruck
Zuvor lädt Pastor i. R. Tilman Laut-zas am Mittwoch, 27. November, um 19.30 Uhr zur Auftaktveranstaltung über „Rechtsextreme Erscheinungsformen, gerade auch in Kiel – und warum der Rechtsruck im Moment so deutlich spürbar ist“. Ein Vortrag mit Diskussion mit einem Vertreter vom Regionalen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus Kiel. Veranstaltungsort ist das Gemeindehaus Michaelis an der Schleswiger Straße,
Ecke Wulfsbrook.
Rechtsextreme in Landtagen
und auch im Ortsbeirat Hassee
Wie gefährdet die Demokratie durch rechtsextreme Machenschaften aktuell ist, wurde schlaglichtartig deutlich, als im Thüringischen Landtag erst das Verfassungsgericht bemüht werden musste, um die völlig aus dem Ruder gelaufene konstituierende Sitzung wieder in ruhigeres Fahrwasser zurückzuholen.
Im Kieler Süden ist die Lage noch relativ entspannt, jedoch erinnern wir uns: Der Vertreter der AfD im Ortsbeirat Hassee / Vieburg wurde im Frühjahr 2024 wegen gesichert rechtsextremer Aktivitäten von sämtlichen Ausschussposten entbunden.
Demokratie wird unterhöhlt
Die Gesellschaft hat es bei dem Phänomen Rechtsextremismus nicht mit Demokraten zu tun. Rechtsextreme nutzen die demokratischen Wege zwar, um Macht zu erlangen. Aber sie sind angetreten, die Demokratie zu unterhöhlen und auszuschalten. Dazu werden sie alles daransetzen, zunächst parlamentarisch die Oberhand zu gewinnen, dann aus diesen Positionen heraus z. B. hohe Richterposten zu besetzen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter ihre Kontrolle zu bringen oder abzuschaffen, in Inlandsgeheimdiensten Fuß zu fassen und zivilgesellschaftliche Organisationen zu schädigen.
Parallelen zur NS-Zeit
Dies alles sind Dinge, die allen bekannt vorkommen, die im Geschichtsunterricht nicht völlig abwesend waren. Wohin das geführt hat, ist hinlänglich bekannt. Auch was im Vorfeld der damaligen Machtergreifung passiert ist, kommt uns (hoffentlich) wieder ins Gedächtnis, wenn wir heute auf Hetze und Propaganda, Bedrohung, menschenfeindliche Hass- und Gewaltverbrechen blicken.
Gefahrenpotenzial in Kiel
Die rechtsextremen Akteure sind die eine Gefahr, die andere droht aus der Mitte der Gesellschaft – von den Mitmenschen, die trotz Mahnung aus der eigenen Geschichte Rechtsextreme in demokratische Parlamente wählen und damit zu Steigbügelhaltern der Machterlangung werden. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt je nach Region bei bis zu einem Drittel. Im Kieler Süden stimmten zur Europawahl rund 8 % für die AfD. Das heißt also gleichzeitig, dass die große Mehrheit der Bevölkerung nicht rechtsextrem wählt. In Kiel sind allerdings in Elmschenhagen und Dietrichsdorf rechtsextreme Umtriebe auffällig. Es gibt keinen Grund, sich entspannt zurückzulehnen. JM