Zu Besuch bei einer Königin

Helga Sigg hat 15 Bienenstöcke im Garten. Wer möchte, kann bei ihr das Imkern erlernen. Fotos: Jens Uwe Mollenhauer

Stippvisite bei Freizeitgruppe der Anlaufstelle Nachbarschaft in Hassee

KIEL LOKAL berichtet in lockerer Folge über die Entwicklung der nachbarschaftlichen Projekte des anna-netzwerkes. Menschen aus dem Stadtteil –
viele auf der Schwelle zum Rentenalter – treffen sich und unternehmen gemeinsam spannende Dinge wie z. B. Imkern.

Wir alle haben sie schon mal gesehen: Kästen aus Holz oder Kunststoff, manchmal bunt, manchmal schlicht, gern am Feldrand oder neben Obstbäumen aufgebaut – Bienenstöcke. Wie es im Innern wohl aussieht? Die meisten von uns werden ehrfürchtig auf Abstand bleiben. Am Flugloch mögen zig Bienen herumschwirren, drinnen wohnen aber im Sommer bis zu 60.000 – pro Kolonie!

Helga Sigg (78) aus Hammer betreibt die Imkerei schon länger als ihr halbes Leben. Als der KIEL LOKAL-
Reporter bei ihr erscheint, hat sie gerade eine Bienenkönigin eingefangen und will ihr ein winziges blaues Sternchen auf den Rücken kleben. So ist sie leichter im Gewimmel zwischen den Tausenden von Arbeitsbienen zu erkennen. „Da kommt es auch auf den Klebstoff an, denn das Tier soll nicht verätzt werden“, sagt sie. Klar, dass sich die sichtlich nervöse royale Brummerdame von der Prozedur „not amused“ zeigt. Nach einigem Hin und Her gelingt es, sodass sie zu ihrem Volk zurückdarf. Über die Jahrzehnte hat sich Imkerin Helga einen großen Wissensschatz über das Nutztier angeeignet, das der Mensch schon seit weit über 10.000 Jahren nutzt. Dieses Wissen gibt sie auch gern an Interessierte weiter. Seit Jahren trifft sie sich jede Woche mit Jungimkern. „Das ist nämlich keine Sache, die man sich mal eben schnell anlesen kann – oder ein YouTube-Video angucken und dann glauben, dass es ja nicht so kompliziert sein kann“, erklärt sie. Wer in die Imkerei eintaucht, für den öffnet sich ein faszinierender Kosmos.

Bis zu 60.000 Individuen umfasst ein Bienenvolk im Sommer. Über Winter sind es noch halb so viele.

Bienen verfügen über erstaunliche Intelligenzleistungen. Die Königin weiß z. B., ob sie als Nächstes ein befruchtetes Ei, aus dem eine Arbeiterin schlüpfen wird, oder ein unbefruchtetes legen wird, das sich zu einer männlichen Drohne entwickeln soll. Bei Letzterer ist die Wabe geringfügig größer, was die Königin gewissenhaft mit ihren Vorderbeinen ausmisst. 

Drei Wochen braucht es vom Ei bis zum Schlüpfen. Darauf beginnt sofort der Arbeitsalltag. Die Aufgabenteilung im Bienenstock ist ausgeklügelt. Alle paar Tage gibt es für die Tiere einen neuen Job. Die frisch geschlüpften Arbeiterinnen werden zuerst zum Putzen der Wiege „verdonnert“. Später füttern sie den Nachwuchs und helfen beim Durchreichen des Nektars. Wenn sie noch keine zwei Wochen alt sind, bauen sie schon Waben. Dann lernen sie fliegen. Etwa drei Tage lang haben sie Wehrdienst als Wachbiene am Einflugloch, und erst mit knapp drei Wochen geht es auf Nektarflug. Diese Tätigkeit üben sie etwa 35-mal aus, dann endet das kurze Leben einer Honigbiene auch schon wieder.

Helgas Interesse richtet sich gar nicht vorrangig auf den Honig, den ihr die Bienchen emsig bereiten, sondern es geht ihr um die Zucht. Die Paarung der Königin findet in großer Höhe beim Hochzeitsflug statt. Ziel der Zucht ist zum einen natürlich, eine hohe Honigausbeute zu erreichen. Wichtig ist aber auch, dass die Tiere gutmütig und friedfertig sind. Zudem sollten sie besonders widerstandsfähig gegen Parasiten und Krankheiten sein und möglichst auch nicht so sehr zum Schwärmen neigen.

Wenn Helga einen Bienenstock öffnet, verschwindet die Welt um sie herum. Sie entnimmt die ausgeschleuderten Waben, die sie den Bienen zum Heilmachen gegeben hat, und freut sich, dass die eifrigen Arbeiterinnen alles wieder gerichtet haben. In einem anderen der 15 Stöcke in ihrem Garten sind die Waben bereits prall mit Honig gefüllt. „Da muss ich bald schleudern.“

Die Königin wohnt im Brutraum im unteren Teil des Bienenstocks. Praktischerweise ist sie etwas dicker als die Arbeiterinnen. Damit sie nicht ganz nach oben kommt, wo die Honigwaben stecken, versperrt ihr ein Gitter, durch das die schmächtigeren Arbeiterinnen durchpassen, den Weg, denn sie würde auch dort Eier legen. Und wer möchte schon Bienenlarven im Honig haben?

Für Gartenbesitzer hat Helga Sigg einen bienenfreundlichen Rat: „Wenn die Linden ausgeblüht haben, dann ist es weitgehend vorbei mit dem großen Zuckerschlecken, und es wird allmählich eng für die Bienen. Darum ist es von Vorteil, im Garten auch möglichst viele Spätblüher zu haben. Das erfreut im Spätsommer nicht nur das Auge, sondern auch die Bienen, die nun ihre Wintervorräte anlegen. Eine bunte Blumenwiese ist dem vom Roboter kahl geschorenen Rasen und erst recht dem Schottergarten eindeutig vorzuziehen.“

Die erfahrene Imkerin überprüft den royalen Brutfortschritt. An diesem Rahmen schlüpfen neue Königinnen.

Die Bienen geben Helga Sigg nicht nur Honig und Wachs, sondern auch Entspannung und Lebensfreude. Von Mai an bis zum Herbst, wenn sich die Bienen „bettfein“ für den Winter machen, vergeht kein Tag, an dem sie nicht mindestens ein bis zwei Stunden bei ihren geflügelten Freunden verbringt. Das ist nur die Arbeitszeit. „Wenn’s draußen schön ist und mir danach ist, dann hole ich mir einen Liegestuhl zu den Bienenstöcken und höre einfach nur dem Summen zu. Das ist für mich die reinste Erholung.“

Und wenn im Winter noch mehr Zeit ist, dann filzt Helga auch mal ein wenig, z. B. entstehen unter ihren geschickten Händen – Sie erraten es schon – Filz-Bienen.

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist und einmal in die Imkerei reinschnuppern möchte, findet den Kontakt zu Helga Sigg über die Anlaufstelle Nachbarschaft, Hamburger Chaussee 75. Wer weiß, vielleicht ist es für Sie der Beginn eines erfüllenden Hobbys. JM