Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen (1949-2026)

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen

Claus Merdingen wurde am 16. März 1949 in Kiel als jüngstes von vier Geschwistern in eine musikalische Familie hineingeboren. Seine Mutter spielte Klavier, sein Vater Geige.

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen
Claus Merdingen bei einem Vorspiel mit 11 Jahren

Schon 1936 hatte sein Vater im Kronskamp 4 ein Haus gebaut, aber nach dem Krieg wurde das Haus von den Engländern requiriert. So verbrachte der kleine Claus seine ersten Lebensjahre in den Baracken im Freesenhof und später in den Schulbaracken hinter der Brüder-Grimm-Schule. Die langen Schulkorridore wurden von ihm und seinem Bruder zum Fußballspielen genutzt, so dass er viele gute Erinnerungen an diese Zeit hatte. 1956 durfte die Familie wieder in ihr Haus in den Kronskamp ziehen.

Musikalischer Beginn

Mit acht Jahren bekam der kleine, hochmusikalische Claus Klavierunterricht und machte schnell Fortschritte. Er liebte klassische Musik von Beethoven bis Chopin, wurde aber von seinem aufgeschlossenen Lehrer auch an Werke wie „Rhapsody in Blue“ von Gershwin und andere moderne Werke herangeführt, so dass sich ihm neue Musikwelten erschlossen.

Mit 13 Jahren brachte sich Claus in einem „total langweiligen, verregneten Dänemarkurlaub mit den Eltern“ (die älteren Geschwister waren schon aus dem Haus) selbst das Gitarrespielen bei.

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen
1964 Claus Merdingen mit 15 Jahren mit Gitarre auf einer Klassenfahrt

 

The Rebels und nur Musik im Kopf…

Als er 1966 mit 17 Jahren mit einem Freund in den Sommerferien in England von einem WM-Fußballspiel zum nächsten trampte, erreichte ihn die Nachricht, dass die damals sehr angesagte Rockband „The Rebels“ ihn trotz seines jungen Alters als Orgelspieler (Keyboard) haben wollte. Völlig euphorisch kehrte er sofort nach Hause zurück und wurde ein begeisterter „Rebel“: „Ich sollte für die Schule lernen, aber hatte nur Musik im Kopf!“.

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen
The Rebels“ Andi Messerschmidt, Werner Böttcher, Robert Kipka, Arno Schmidts, Claus Merdingen

Nach dem Abitur 1969 war er froh, seine Schulzeit hinter sich zu lassen und dachte damals: „I´ll never come back, nie wieder Schule!“. Doch es sollte anders kommen.

Studium und Theaterengagements

Zunächst begann er in Kiel Jura zu studieren, aber es zog ihn „wegen der schönen Frauen“ schon zu mancher Party an die Pädagogische Hochschule. Auch privat feierte man oft mit den neuen Bekanntschaften weiter und auf so einer Party lernte er seine Frau Marianne kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick und die große Liebe seines Leben.

Claus Merdingen merkte aber damals auch, dass „Juristen tolle Leute sind, aber irgendwie anders denken als ich“ und wechselte 1970 zum Studium auf Lehramt für die Fächer Englisch und Musik. Es war die richtige Entscheidung und er absolvierte sein Studium hoch motiviert und in kürzester Zeit mit Bestnoten.

In den 60-Jahren spielten The Rebels überwiegend auf Marktplätzen und in Clubs in Norddeutschland. Da Claus Merdingen das einzige Mitglied war, das Noten schreiben und arrangieren konnte, übernahm er schon bald die Leitung. Anfang der 70er-Jahre wurde die Rockband vom Theater Kiel entdeckt und für insgesamt drei Theaterproduktionen engagiert. Für „Leben und leben lassen“ spielten sie Beat-Musik vor der Bühne, ein rein musikalisches Engagement. Für das Proteststück „We drop“ über den Vietnam-Krieg mit Rock’n’Roll-Musik-Auftritten sollten die jungen Bandmitglieder auch mitspielen und erschossene Soldaten auf der Bühne mimen. Allerdings waren sie dafür wohl nicht ernsthaft genug und wurden mit den Worten zusammengestaucht: „Wenn wir hier zusammenarbeiten, dann sind Sie gefälligst tot.“

Danach beschränkten sie sich wieder auf ihr musikalisches Talent und wurden für die Ballettmatinée „Der verlorene Sohn“ mit dem legendären Ballettmeister Heinz Weitz und Solist Anthony Taylor engagiert. Die Matinée war stets ausverkauft und so erfolgreich, dass sie gut zehn Mal wiederholt wurde. „The Rebels“ thronten dabei auf einer Balustrade erhöht über der Bühne und lieferten präzise Rockmusik zum Tanz der Ballettkompanie. „Es gab nicht viel Geld für unsere Auftritte, aber es machte uns sehr viel Spaß! Und wir gewannen an Erfahrung.“ Seitdem wusste Claus Merdingen, wie wichtig zum Tanzen eine exakte Taktzahl ist, was ihm bei seiner späteren Tanzkapelle „Melody Fair“ noch sehr helfen sollte.

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen
Hochzeit von Marianne Nötzel und Claus Merdingen am 17.8.1973

Familiengründung

Nach Beendigung des Studiums war auch seine rebellische Zeit mit den Rebels zu Ende. Am 17.8. 1973 heiratete er seine große Liebe Marianne Nötzel und bekam mit ihr später Sohn Florian (1977) und Tochter Anja (1981). Sie bauten das Haus im Habichtsweg und mittlerweile ist die nächste Generation mit Leni (2013), Lias (2016), Emilian (2018) und Anton (2020) am Start.

Realschule Kronshagen

Mitte der Siebzigerjahre konnte sich Claus wegen Mangels an Musiklehrern seinen neuen Arbeitsplatz aussuchen: „Alle wollten mich, ein gutes Gefühl.“ Als er bei einer Besichtigung der Realschule Kronshagen feststellte, dass dort ein eher armseliges Klavier in der Ecke stand und es keine Musiktradition gab, beschloss er die Stelle anzunehmen und selber die Musik an die Schule zu bringen: „Der Musiklehrer ist mit seinem Wirken die Visitenkarte einer Schule“ war seine Devise. Und dieser Musiklehrer sollte der absolute Glücksgriff für die Schule werden!

Als er direkt nach seinem Examen 1975 noch mit langen Haaren seine Stelle antrat, wurde er mit einem Banner empfangen: „Es ist ein Junge!“, weil es ausschließlich Junglehrerinnen und nur einige wenige ältere Lehrer an der Schule gab. Ein guter Start und Auftakt für ein herzliches Miteinander an der Schule für über 35 Jahre. Mehr über sein musikalisches Wirken an der Realschule lesen Sie in dem Artikel von seinem Kollegen Rolf Martensen.

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen
Von links nach rechts: Melody Fair Anfang der 80-Jahre: Claus Merdingen, Peter Meyer, Klaus Unger, Mario Schäfer

Tanzkapelle Melody Fair

1979 gründete Claus Merdingen die Tanzkapelle Melody Fair. Die Showband hatte ihre große Zeit ab 1985, als sie für Tanzturniere entdeckt wurde: Nur wenige Bands waren in der Lage, einen für Tanzturniere geeigneten, absolut präzisen Rhythmus mit exakter Taktzahl zu spielen und gleichzeitig mit geeigneter Musikauswahl, Showeinlagen und einem Feeling für das Publikum auch die Zuschauer zum Tanzen zu bewegen. Die Presse überschlug sich mit Lobeshymnen von „großartig aufspielender Tanzkapelle“ über „Die Musiker von Melody Fair schafften es, dass das Tanzparkett immer überfüllt war“ bis hin zu „Für die grandiose Stimmung sorgte nicht zuletzt die Kapelle Melody Fair bis nachts um drei Uhr“. Vom Kieler-Woche-Ball, Umschlagsball, Ärzteball, Ball des Handwerks, Frühlingsfest des Lufttransportgeschwaders Eckernförde, Regimentsball Lütjenburg und vom Bundesgrenzschutz Schwarzenbek, Silvesterball im Conti Hansa, im Maritim, im Atlantic in Hamburg bis hin zu den Turnieren vom Tanzclub Blau-Gold-Saphir, Grün-Weiß-Tanzclub Kiel, TSC Blau-Gold Itzehoe, Tanzclub Concordia Lübeck, Grün-Gold-Gala Bremen und unendlich vielen mehr: Alle wollten sie nach der Musik von Melody Fair tanzen und es gab mehr Buchungsanfragen als die Band bewältigen konnte. „Es war berauschend für uns als Band, wenn sich alle nach unserer Musik bewegten und wir waren süchtig nach immer wieder neuen Auftritten“, erklärte Claus Merdingen die Intention, trotz Vollzeitstelle an der Schule mit zusätzlichen Chor- und Musicalprojekten, zwei Chören (Gesangverein Kronshagen ab 1981 und Hello Music ab 1986) und seiner Familie mit zwei kleinen Kindern fast jedes Wochenende irgendwo in Norddeutschland zu Bällen mit Melody Fair aufzuspielen.

Deutsche Meisterschaft und Ostseepokal

Melody Fair wurde DIE Tanzkapelle für den Turniertanz und so spielten sie auch bei der Deutschen Meisterschaft in Raisdorf, sowie zu Internationalen Turnieren von Lübeck bis Hamburg. Nicht zuletzt hat der im Bürgerhaus Kronshagen seit 1988 stattfindende Ostseepokal mit internationaler Beteiligung seinen guten Ruf auch Melody Fair zu verdanken. Die Tanzkapelle war vom ersten Ostseepokal bis 1999 dabei und überzeugte stets mit erstklassiger Turnier- und Tanzmusik.

Von 1997-1999 spielte Sohn Florian Merdingen bei Melody Fair mit.

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen
Foto v.l.n.r. Melody Fair mit Peter Meyer, Mario Schäfer, Klaus Unger, Claus Merdingen in den 90er-Jahren

Gesangverein Kronshagen

1981 übernahm Claus Merdingen den Gesangverein Kronshagen (heute Chor Kronshagen) und auch die Erwachsenen begeisterte der Musiker mit seinem Können und als Mensch. Mehr dazu lesen Sie in dem anschließenden Artikel von Ute Sievers, langjährige Sängerin im Gesangverein Kronshagen.

Gründung von Hello Music

1986 gründete Claus Merdingen den Pop- und Jazzchor Hello Music aus ehemaligen Realschülern, die auch nach dem Ende ihrer Schulzeit bei Claus Merdingen weitersingen wollten. Mehr dazu lesen Sie in dem Artikel von Thomas Pape, langjähriger Sänger bei Hello Music.

Silberner Ehrenteller der Gemeinde Kronshagen

Alle musikalischen Projekte von Claus Merdingen waren überragend erfolgreich und brachten sowohl den Mitwirkenden als auch dem Publikum stets viel Freude. So sehr, dass Claus Merdingen mit Auszeichnungen und Ehrungen überschüttet wurde. 1998 wurde er darüber hinaus von der Gemeinde Kronshagen mit dem Silbernen Ehrenteller für seine Verdienste ausgezeichnet.

Leben auf der Überholspur

Doch es war ein Leben auf der Überholspur und im Jahr 2000 erlitt Claus Merdingen einen Hörsturz und als Folge eine schmerzhafte Überhörigkeit. Von einem Tag auf den anderen war eine Chorleitung oder auch das Spiel mit seiner Tanzkapelle nicht mehr möglich. Er gab die Leitung von seinem Pop- und Jazzchor Hello Music und vom Gesangverein Kronshagen ab und löste seine Tanzkapelle Melody Fair auf.

2001 besserte sich sein Gehör und er begann langsam wieder seine Musicaltätigkeit an der Realschule Kronshagen aufzunehmen.

Eight Voices

Doch ein Leben so ganz ohne Gesang und Konzertauftritte konnte sich der Vollblutmusiker nicht vorstellen und so gründete er 2002 das Erfolgsoktett Eight Voices und bestritt mit ihm bis 2025 über 200 Konzerte. Mehr dazu lesen Sie in den Artikel von Carsten Vollbehr, Sänger bei den Eight Voices von der ersten Stunde an.

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen
Foto v.l.n.r.: Sabine Klöß, Thomas Pape, Sabine von der Wehl, Carsten Vollbehr, Gaby van Hanneken, Susanne Rostock, Claus Merdingen

Soziale Aktivitäten

Nach seiner Pensionierung 2011 verstärkte Claus Merdingen seine sozialen Aktivitäten. Er animierte beim Seniorencafé, Flüchtlingscafé und Demenzcafé, bei Weihnachtsfeiern und im Kindergarten mit seiner Gitarre und mitreißenden Art zum Mitsingen. Und so mancher Offene Garten im Hofbrook bei Familie Umlauff endete mit einer großen Sangesrunde mit gut 100 Sangesfreudigen am Lagerfeuer. Bei den vier Umlauff´schen Singfestivals in der Christuskirche war Claus Merdingen für das Anleiten von Publikum-Kanons eine feste Größe und brachte innerhalb kürzester Zeit jeden zum Mitsingen.

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen
Mit Gitarre am Lagerfeuer im Hofbrook brachte Claus Merdingen jeden zum Mitsingen

Nach seinem Ruhestand 2011 gab der Pädagoge Merdingen ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlinge. Aber auch der Sport spielte immer eine Rolle in seinem Leben und er hielt sich mit Tennis und Golfen fit.

Lebensfreude trotz Krankheit

Vor über zehn Jahren wurde bei Claus Merdingen eine schwere Krankheit festgestellt und er nahm den Kampf zunächst erfolgreich auf. Im November 2023 kam dann der absolute Tiefpunkt: Die Ärzte schickten ihn austherapiert aus dem Krankenhaus nach Hause und prognostiziertem ihm eine nur noch wenige Wochen umfassende Lebenszeit. Statt sich traurig zu verkriechen, wollte Claus Merdingen all die Menschen noch einmal sehen, die ihm etwas in seinem Leben bedeutet haben und denen er etwas bedeutet. Daraus ergaben sich unendlich viele, oft sehr fröhliche Gespräche und Claus Merdingen wurde überschwemmt mit Danksagungen von ehemaligen Schülern, Kollegen, Mitgliedern seiner Chöre, Bekannten und Freunden. Ihm wurde vielleicht zum ersten Mal richtig bewusst, in wie vielen Menschen er Spuren hinterlassen hat. Dieses wunderbare Gefühl und die Verwöhnküche seiner Frau Marianne ließen ihn trotz der düsteren Prognose der Ärzte wieder zu Kräften kommen.

75 Jahre-Geburtstagsfeier

Im März 2024 konnte Claus Merdingen allen Unkenrufen zum Trotz mit gut 100 Freunden und Familie in der Realschule Kronshagen seinen Geburtstag feiern. Es war ein rauschendes Fest mit viel Musik und auch er selbst stand wieder singend auf der Bühne, begleitete am Klavier und zeigte in einer eindrucksvollen Präsentation mit Klangbeispielen, Fotos und unzähligen Zeitungsausschnitten die unglaubliche Fülle seines Lebens und Schaffens.

Ein Leben für die Musik: Claus Merdingen
Foto v.l.n.r.: Die Eight Voices 2025: Claus Merdingen, Christin Böhme, Christina Kauffmann, Sabine Klöß, Sabine v. d. Wehl, Gabriela van Hanneken, Thomas Pape, Carsten Vollbehr

Eight Voices-Konzerte

Noch im selben Jahr nahmen die Eight Voices in leicht veränderter Besetzung ihre Proben wieder auf. Sie traten noch fast zwei Jahre lang bis Dezember 2025 in vielen begeisternden Konzerten im Treff 34 und beim Wohnzimmerkonzert im Hofbrook bei Familie Umlauff zugunsten der Jugendarbeit in Kronshagen auf. Mehr dazu lesen Sie im Artikel von Carsten Vollbehr, Eight Voices-Mitglied von der ersten Probe bis zum letzten Konzert.

Es war ein Leben voller Musik. Und es gab einen ganz besonderen Menschen, der es Claus Merdingen ermöglicht hat, es genauso zu leben. Im November 2025 sagte er voller Dankbarkeit, Liebe und in Erinnerungen schwelgend: „So ein volles Leben kann man nur leben, wenn man eine so wunderbare Frau wie Marianne hat, die mich immer selbstlos im Hintergrund unterstützt und die Familie am Laufen gehalten hat!“

Text: Silke Umlauff

Fotos: Merdingen Privat, Hauke Hansen, Silke Umlauff

Riesiger Schulchor, Musicals und Megaspaß

Lasst uns singen, liebe Freunde …

Hello Music: Ein einzigartiger Chor

Eight Voices – Gesang voller Lebensfreude (2002–2025)