Aus dem nahen Gehölz ruft der Schwarzspecht herüber, die Heckenbraunelle keckert ihre Strophen im dichten Buschwerk. Der Zilpzalp übertönt alle übrigen Naturgeräusche. Kirschen liegen unbeachtet unter einem Baum. Libellen tanzen in der Sonne. Sämtliche Wege sind schon lange zugewuchert.
Ein verlorener Ort mitten im Grünen
Das ganze Gelände scheint im Dornröschenschlaf zu liegen. Doch die Idylle ist trügerisch. Hier und da steht ein kaputter Rasenmäher, ein Grill oder eine Regentonne zwischen verlassenen Gartenbuden. Im ganzen Gebiet türmt sich der Müll. Glasscherben knirschen unter den Schuhsohlen. Farbeimer liegen herum. Außer Zecken ist hier nichts mehr zu holen.
Ausgetretene Trampelpfade deuten immerhin an, dass der „lost place“ Kleingartengebiet Baumwegkoppel (fünf Jahre nach der Auflösung) nicht gänzlich unbewohnt ist. So finden sich in dem Chaos provisorische „Schlafzimmer“ und sogar abgewaschenes Geschirr.
Vor rund zehn Jahren wurde (von Neuem) ruchbar, dass auch dieser Teil der Kieler Kleingarten-Parzellen auf hoch belastetem ehemaligem Deponie-Gebiet liegt.

Jahrzehnte des Wegschauens
KIEL LOKAL traf sich mit Siegmund Roeschke, dem Vorsitzenden des Kleingärtnervereins Hassee. Der 75-Jährige ist seit 46 Jahren auf der Scholle und seit vielen Jahren im Vorstand. Somit ist er bestens im Bilde über das Zusammenwirken von Kleingärtnern und Stadtverwaltung, Machenschaften und Versäumnissen. Noch heute treibt es seinen Puls in die Höhe, wenn er von der endlosen vergeudeten Zeit zwischen erstem Verdacht und letzter Gewissheit spricht. Und Roeschke wirft den Ämtern noch immer vor, die Pächter trotz klarer Erkenntnisse fahrlässig, wenn nicht vorsätzlich jahrzehntelang im Unklaren über die Gefahren durch die Altlasten gehalten zu haben.
Dass die Parzellen auf einem ehemaligen Müllplatz lagen, war weitgehend bekannt und in Kiel auch nicht ungewöhnlich. Nur machte sich in den 1950er- bis 70er-Jahren kaum jemand Gedanken über etwaige Giftbelastung im Kleingartengemüse. Die Menschen waren froh, ihrer beengten Wohnsituation für einige Stunden zu entfliehen und ein wenig im eigenen Garten herumgrubbern zu können. Dass immer wieder Schutt, Batterien und anderer Müll unter dem Spaten zum Vorschein kamen, wurde hingenommen in einer Zeit, als sich noch kaum jemand Gedanken darüber machte, warum so oft die Fische mit dem Bauch nach oben schwammen.
Erste Warnungen vor Schadstoffen
Dann setzte das Umweltbewusstsein ein. Vor fast 40 Jahren wurde einigen Kleingärtnern die Ungewissheit zu bunt. Auf eigene Kosten ließen sie Proben aus ihrer Parzelle auf Schadstoffe untersuchen. Das Ergebnis: Der untersuchte Salat war zwar unbedenklich, aber die Bodenproben wiesen massive Schadstoffbelastung auf. Der Toxikologe Dr. Hermann Kruse von der Universität Kiel warnte damals eindringlich: „Da würde ich kein Gemüse essen.“ Und: „Auf solchen Böden sollte nichts angebaut werden.“
Und sah sich die Stadt Kiel damals in irgendeiner Form genötigt zu handeln? Nein. Das Thema wurde vom Umweltschutzamt zuerst kleingeredet und dann beerdigt – so wie zuvor der viele Dreck im Untergrund. Auch der damalige Vorsitzende des Hasseer Kleingärtnervereins bekleckerte sich nicht mit Ruhm. Er stellte den alarmierten Mitgliedern in Aussicht, ihre Gärten zu verlieren, wenn sie nicht aufhören würden, soviel Wind zu machen. Das Thema verschwand von der Tagesordnung. Doch genau wie beim Müll, brodelte es bei den Kleingärtnern im Untergrund weiter.
Der große Schock im Jahr 2021
Der große Knall kam mit mehr als 30 Jahren Verspätung Anfang 2021 mitten in der Coronazeit. Ein umfassendes Bodengutachten des Hanseatischen Umweltkontors zeigte deutliche Ergebnisse. Die hohe Giftbelastung mit diversen krebserregenden Substanzen war nun nicht mehr wegzudiskutieren und erforderte sofortiges Handeln. Ein Weiterbetrieb der Kleingärten ohne akute Gesundheitsgefährdung war nicht möglich. Die Stadt Kiel hat folglich nach einigem Hin und Her die komplette Gartenanlage aus der Verpachtung genommen. Zunächst wurde noch diskutiert, die Gärten unter strengen Auflagen als reine Blumen- und Freizeitgärten weiter zu betreiben. Aber das war angesichts extremer Schadstoffwerte schnell vom Tisch. Auch gab es kaum Kleingärtner, die sich darauf einlassen mochten. Damit war der Kleingartenverein aus dem Spiel. Alle Pächter verloren ihre Gärten. Immerhin zahlte die Stadt einen sechsstelligen Betrag an Entschädigungen aus. So mancher Pächter „vergaß“ daraufhin, seine Siebensachen zu packen. So blieb viel Inventar vor Ort, das nun seit Jahren als Müll nach und nach vom Abfallwirtschaftsbetrieb entsorgt wird.
Roeschke drückt es so aus: „Immer, wenn die Stadt mal etwas Geld übrighat, wird eine Gartenlaube abgerissen und der Müll weggefahren. Bis das alles fertig ist, kann das noch viele Jahre dauern.“
Was aus dem Gelände einst wird, weiß keiner. Bekannt ist nur, wie sich die Stadt Kiel üblicherweise bei Altlasten verhält – nämlich höchst abwartend. Der Eindruck entsteht, dass niemand an den Dingen rühren möchte, die unsere Vorgängergeneration uns hinterlassen hat. Das liefert einen Vorgeschmack darauf, wie unsere Kindergeneration möglicherweise mit dem noch giftigeren Dreck unserer Zeit umgehen wird. Denn das Geld für die Sanierung von Altlasten muss auch in Zukunft erst verdient werden. Und voraussichtlich wird es nicht da sein.
Illusionen darüber, was alles unter der Erde schlummert, muss sich niemand machen. Bis in die 80er-Jahre hinein waren wir weit von dem heutigen Umweltbewusstsein entfernt. Abgekippt wurde einfach alles. Sogar alte Straßenbahnwagen aus den 50er- und 60er-Jahren dürften sich am Ende der Töpfergrube noch ausgraben lassen. Die dürften noch schadstoffarm gewesen sein, im Vergleich zu dem, was sonst noch bedenkenlos abgeladen wurde.
Was steckt noch im Boden?
Die Bewohner der Sackgasse Am Sandberg werden sich vermutlich entspannt zurücklehnen können, werden sie doch nicht befürchten müssen, dass ihr ruhiges Hinterland jemals wieder bebaut wird. Kein Investor dürfte sich für die Sanierung der alten Müllkippe interessieren. Der Müll liegt hier in einer bis zu elf Meter dicken Schicht in der ehemaligen Tongrube. Der Gedanke: „Was mag wohl von der Kippe zu mir herübersickern?“, könnte aber durchaus Sorgenfalten ins Gesicht treiben.
Aus demselben Grund wird auch der Bestand so manches Urwaldes im Kieler Süden auf Dauer gesichert und vor Bebauung geschützt sein. Denn nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche lauert ein dreckiges Geheimnis – zuverlässig oft dort, wo es an der Oberfläche scheinbar „wild“ und naturnah zugeht.
Die Baumwegkoppel war kein Einzelfall, auch kein extremer Ausreißer. Es gibt in Kiel weitaus höher belastete Anlagen. Die Errichtung von Kleingärten über Mülldeponien hat System. Wie ein internes Schreiben des Umweltschutzamtes von 2014 ausweist, gibt es mindestens noch mehr als zehn ähnlich gelagerte Altlastprobleme in Kiel.
Mehr dazu in der nächsten Ausgabe von KIEL LOKAL. Dann geht es über die Neelsen-Koppel zwischen Rendsburger Landstraße, Struckdieksau und Hasseer Straße. JM
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