Rätsel um geheimen Schacht im Vieburger Gehölz

Birger Kulbe stellvertretender Vorsitzender des Kleingartenvereins und Hobbyhistoriker Heidi Kjär und Bernd Vesper begutachten den rätselhaften Schacht im Vieburger Gehölz
Birger Kulbe stellvertretender Vorsitzender des Kleingartenvereins und Hobbyhistoriker Heidi Kjär und Bernd Vesper begutachten den rätselhaften Schacht im Vieburger Gehölz

Beim Aufräumen einer verwilderten Parzelle in der Nähe des Fernmeldeturms sind die Kleingärtner auf einen zwei Meter tiefen Schacht gestoßen, der selbst den ältesten Pächtern auf der Kleingartenanlage unbekannt ist. Der Verein möchte wissen, worum es sich dabei handelt und wer dafür zuständig ist. Wichtig ist ihnen vor allem die Sicherheit, da der Schacht derzeit nur von einer dünnen Blechplatte abgedeckt wird.

Die Immobilienwirtschaft der Stadt Kiel vermutet aufgrund alter Leitungspläne, dass es sich um die Zuleitung des vor 100 Jahren angelegten Planschbeckens mitten im Vieburger Gehölz handeln könnte. Den KIEL LOKAL-Artikel zu diesem Thema lesen Sie HIER.
Im Sommer 2023 war die Redaktion zusammen mit Heidi Kjär und Bernd Vesper auf Spurensuche im Wald. Diese beiden sind auch diesmal wieder dabei, um dem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Vom Truppenübungsplatz zur Kleingartenanlage

Erste Station ist das Büro des Kleingärtnervereins am Krummbogen, um gemeinsam mit Siegmund Roeschke zur inzwischen aufgeräumten Parzelle zu gehen. Doch der Vorsitzende wird an diesem Tag überrannt von Anfragen und vertröstet uns auf seinen Stellvertreter Birger Kulbe. Der erzählt uns auf dem Weg, dass dieses Gelände ursprünglich ein Truppenübungsplatz gewesen ist. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde hier 1922 der Kleingärtnerverein gegründet. „Die Kleingärten sorgten bis in die 1960er-Jahre hinein für einen Teil der Ernährung“, so Kulbe.

Der Hochbehälter Studentenberg

Die beiden pensionierten Professoren begutachten die von der Immobilienwirtschaft zur Verfügung gestellten Pläne und erkennen anhand der Lage gleich, dass das kreisrunde Gebilde gar nicht das Planschbecken im Wald sein kann. Stattdessen müsste es die Stelle des ältesten Bauwerks der Kieler Trinkwasserversorgung markieren: des 1880 in Betrieb genommenen Hochbehälters Studentenberg. Ausgenutzt wird die 38 Meter hohe Anhöhe des Hornheimer Riegels. „Es ist ein artesischer Brunnen“, weiß Bernd Vesper. „Solche natürlichen Wassertürme waren früher üblich. Pro zehn Meter Höhe sorgen sie für einen Wasserdruck von einem Bar. Die Behälter sollten also mindestens 30 Meter hoch sein.“

So viel zur Theorie, jetzt aber an die Praxis. Wir legen das Blech zur Seite und schauen in den Schacht. Die gemauerten Wände sind relativ sauber. Drei Schnegel schlängeln sich an der Mauer entlang.
In zwei Meter Tiefe können wir einen etwa 30 cm breiten Druckbehälter erkennen, in dessen Mitte es silbern glänzt. Ein Handrad ist auch auszumachen. Unten verbreitert sich der Schacht. Ist es womöglich sogar ein Gang, der rechts und links noch weiterführt? Von oben können wir das Ende nicht ausmachen.

Eine Handykamera macht Fotos im rätselhaften Schacht im Vieburger Gehölz
Die Bilder von unten aus dem Schacht werden direkt aufs Smartphone übertragen (ganz links). So wird das Handrad deutlich sichtbar.
Foto: Bernd Vesper

Mich juckt es in den Fingern, dort runterzuklettern. Doch werden die verrosteten Stangen halten? Und, wenn ja, werde ich mich wieder hochziehen können? Die Vernunft siegt über die Abenteuerlust. Bernd Vesper weiß Abhilfe. Er möchte eine 360-Grad-Kamera mit Stativstange holen. In der Zwischenzeit wandern Heidi Kjär und ich ungefähr 300 Meter weiter zum Hochbehälter Studentenberg. Laut ChatGPT soll das Wasserreservoir seit 1896 nicht mehr in Betrieb sein. Tatsächlich sieht die eingezäunte Anlage aus, als ob sie jederzeit wieder ans Netz genommen werden könnte. Das sollten wir mal bei den Stadtwerken Kiel nachfragen. Dazu später mehr.

Forschergeist mit 360-Grad-Kamera

Zurück am Schacht, taucht der 71-Jährige mit der modernen Kamera auf. Er schraubt sie ans Stativ, fährt dieses aus und senkt es langsam in den Schacht hinunter. „Das ist ja wie bei der Erforschung der Titanic“, sagt er lachend beim Anblick der auf sein Smartphone übertragenen Livebilder. „Wir können das alles mal abfahren.“ Von unten ist gut zu erkennen, dass aus der Erde ein Rohr kommt. Darauf befinden sich ein Flansch und eine Art Überdruckventil. Wir sehen auch ein großes Rad zum Zudrehen. Wer kann uns sagen, was das ist? Wozu mag diese Anlage gedient haben? Und gab es in diesem Umfeld früher vielleicht sogar noch weitere Bauten? Heidi Kjär regt an, die Leserschaft zu fragen, ob jemand Antworten weiß.
Tags drauf sende ich die Fotos an die Sanitärfirma aus der Nachbarschaft. „Ich habe leider keine Idee, wofür das mal gewesen sein könnte“, antwortet Sven Sierwald.
Handrad im rätselhaften Schacht im Vieburger GehölzChatGPT ist ausführlicher: „Das ist kein einfaches Handventil, sondern ein Membranventil bzw. ein druckgesteuertes Regelventil. Die runde, kuppelförmige Einheit oben ist typisch für eine Membrankammer. Darin sitzt eine flexible Membran, die durch Druck bewegt wird. Diese steuert das eigentliche Ventil im unteren Teil. Das seitliche Handrad deutet darauf hin, dass man das Ventil zusätzlich manuell einstellen oder absperren konnte. Solche Bauteile findet man oft in älteren Industrieanlagen, Wasser- oder Dampfleitungen, technischen Schächten oder Versorgungsystemen.“

Stadtwerke liefern erste Antworten

Während wir noch rätseln, haben die Kleingärtner schon eine Rückmeldung von den Stadtwerken erhalten. Die SW Kiel Netz GmbH schreibt: „Da es sich nach jetzigem Stand um eine stillgelegte Anlage handelt, würden wir den Schacht verfüllen.“
Zudem erhalte ich von den Stadtwerken über Pressesprecher Sönke Schuster eine Antwort bezüglich der Nutzung: „In dem Schacht ist die ehemalige Verbindungsleitung zwischen dem Behälter Finkelberg (in Betrieb) und Behälter Studentenberg (außer Betrieb) sichtbar. Bei der Armatur könnte es sich um einen Be- und Entlüfter handeln.“ CF

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