Mit den Ohren sehen

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Wer kennt sie nicht – Kommentatoren bei Fußball-Übertragungen im Fernsehen? Noch umfassender bewerten und analysieren spezielle Blindenreporter das Spielgeschehen. So wird es auch sehbehinderten Fans ermöglicht, ein Spiel im Stadion live mitzu-verfolgen, die Atmosphäre aufzusaugen und mitzujubeln.

Vor 20 Jahren gab es beim Spiel zwischen Bayer Leverkusen und dem SSV Ulm am 15. Oktober 1999 die erste Blindenreportage. Mittlerweile sind Blindenreporter in der 1. und 2. Bundesliga Pflicht. „2014 hatte der Fanbeauftragte für Menschen mit Behinderung bei Holstein Kiel die Idee, auch dort die Blindenreportage einzuführen. Zusammen mit dem DRK-Kreisverband Kiel wurden nach einem Aufruf in den Kieler Nachrichten im September 2014 zehn Reporter gewonnen, die eine fünftägige Schulung erhielten. Start des Angebots im Holstein-Stadion war der 31. Januar 2015“, erklärt Hannelore Finck, Projektkoordinatorin „Blindenreporter“ beim DRK-Kreisverband Kiel. Finn-Ole Martins (@fomtastisch) erinnert sich noch gut: „Ich habe die Anzeige gelesen und mich direkt beworben, das war unmittelbar nach meinem Abi.“ Martins war auch schon zu Regionalliga-Zeiten Dauerkartenbesitzer und Holstein-Fan.

Sobald der Spielplan bekanntgegeben ist, werden die Spiele auf die zehn Blindenreporter gerecht verteilt. Es werden jeweils zwei Reporter und einer für die Technik und Betreuung der sehbehinderten Fans eingeteilt. „Wir treffen uns immer eine Stunde vorher, schnacken mit den Blinden, die dann schon da sind, dann gibt es einen kleinen Soundcheck und im besten Fall steht eine halbe Stunde vor Spielbeginn die Technik. Zu dem Zeitpunkt reden wir noch gar nicht viel, weil die Blinden schließlich die Atmosphäre genießen sollen“, erklärt Martins. So wird vor dem Spiel etwa lediglich erklärt, warum die anderen Fans jubeln, z.B. weil ein bestimmter Spieler das Spielfeld betreten hat.

Im Gegensatz zu den TV-Kommentatoren geben Blindenreporter keine Bewertungen ab, sondern beschreiben, wo der Ball auf dem Spielfeld ist und welcher Spieler mit welchem Fuß wen anspielt. Das magische Stichwort lautet hier „Verortung“. „Wir müssen gefühlt in jedem Satz sagen, wo der Ball gerade ist. Das wird uns in jedem Seminar eingebläut. Es gab beispielsweise einmal Verwechslungen, als wir sagten, dass der Ball nach links gespielt wurde. Ein Fan hat daraufhin den Kopf nach links gedreht, obwohl die gegenüberliegende Spielfeldseite gemeint war“, gibt Martins einen Einblick in die Komplexität.

Jedes Jahr findet eine Nordkonferenz mit den Blindenreportern aller Nordclubs statt und zusätzlich ein nationales Treffen, zu dem ein bis zwei Reporter jedes Vereins entsandt werden. Teilweise kommen auch Coaches, Schiedsrichter oder (Co-)Trainer einer DFB-Mannschaft dazu. Dort werden auch kniffligere Situationen wie Eckbälle anhand von Spielszenen besprochen – spielt er die Ecke kurz oder lang, mit links oder rechts, mit der Innenseite weg vom Tor oder mit Drall zum Tor?

Im Holstein-Stadion sitzen die Reporter und die sehbehinderten Fans in zwei Reihen zusammen, ein persönlicher Kontakt wird gepflegt und die Reaktionen der Fans sind auch für den Blindenreporter die direkteste Rückmeldung, ob die Beschreibung gelungen war. „Wenn unsere Blinden am Ende des Tages sagen, dass sie gerne wiederkommen, haben wir unser Ziel erreicht“, freut sich Martins.

Bei der KSV üben die Blindenreporter ein unbezahltes Ehrenamt aus. Hier zählen nur die Liebe zum Verein, zum Sport sowie die Freude an der Arbeit mit sehbehinderten Fans. Interessenten können jederzeit über den DRK hospitieren.

Text: Stieh; Foto: Martins privat