CL-Qualifikation in Gefahr

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Es sollte ein Aufbruchsjahr für den deutschen Rekordmeister werden. Vor der Saison peilte man trotz der immer stärker werdenden Konkurrenz wie in früheren Zeiten die Meisterschaft in der Bundesliga an, nachdem der THW langsam aber sicher einen kompletten Umbruch in der Kaderplanung durchgeführt hat.

Doch die erwarteten Ergebnisse bleiben auch in dieser Spielzeit zu großen Teilen aus. Die Gründe dafür, dass die Kieler nicht mehr jene Souveränität an den Tag legen, die ihnen sogar verlustpunktfreie Saisons bescherte, sind dabei vielschichtig.

Seit der Jahrtausendwende holte der THW Kiel von 18 Meisterschaften in der Deutschen Handball Bundesliga ganze zwölf Mal den Titel. Die Zeiten der klaren Dominanz dürften nun allerdigs der Vergangenheit angehören.

In der Meisterschaft leisteten sie sich zwei größere Schwächephasen, die den THW nun schon auf den sechsten Platz zurückwarfen. Der Titel scheint bei dem aktuellen Rückstand auf den Tabellenführer von den Rhein-Neckar Löwen außer Reichweite zu sein, zumal die Löwen noch Nachholspiele zu absolvieren haben.

Und die Meisterschaft ist nicht das einzige, was die Kieler in dieser Spielzeit verpassen könnten. Auch das Erreichen der direkten Qualifikation für die Champions League ist in Gefahr. Der dafür benötigte zweite Tabellenplatz ist einige Punkte entfernt, die Konkurrenten von den Füchsen Berlin und der SG Flensburg-Handewitt haben zudem jeweils noch eine Partie mehr auszutragen. Dem THW droht somit zum ersten Mal das Verpassen der Champions-League seit der Saison 2003/2004, als die Kieler in der Meisterschaftsvorsaison nur auf Platz sechs landeten. Schließen die Zebras diese Spielzeit ebenfalls als Tabellensechster ab, wären sie nicht einmal mehr für die Teilnahme am EHF-Pokal qualifiziert.

Die logische Konsequenz ist die wachsende Kritik an Trainer Alfreð Gíslason und der sportlichen Leitung. Allerdings dürften die Probleme nicht nur in der Kaderplanung der letzten Jahre liegen. Vielmehr haben sich viele Bundesliga-Vereine dem Niveau des einstigen Liga-Primus angepasst, während die Kieler nun in manchen Entwicklungen hinterherlaufen.
Bereits die Trainingssituation, die sich durch den Bau des neuen Zentrums in Altenholz spätestens Ende des Jahres erheblich bessern soll, genügt aktuell kaum den Anforderungen einer Profimannschaft. Andere Vereine wie die Rhein-Neckar Löwen sind da bereits seit Jahren deutlich besser aufgestellt. Hinzu kommt, dass sich durch konsequente und erfolgreiche Jugendarbeit weitere Vereine als Topteams etabliert haben. Der TSV Hannover-Burgdorf und die MT Melsungen haben in den letzten Jahren Nationalspieler heranreifen lassen und ernten jetzt die Früchte dieser nachhaltigen Jugendarbeit.

Neben der wachsenden Konkurrenz spielen natürlich auch Verletzungen bei den Kielern eine große Rolle. Führungsspieler wie Domagoj Duvnjak und Rene Toft Hansen sind über den gesamten Saisonverlauf von Verletzungen geplagt.

Im letzten Saisonabschnitt müssen sich die Zebras auf ihre alten Tugenden besinnen. Wenn sie dann ihrer Favoritenrolle gegenüber den vermeintlich kleineren Vereine gerecht werden, ist das Erreichen der Champions League auch in dieser Spielzeit wieder möglich. Dafür dürfen sich die Zebras aber keine Schwächephase mehr erlauben und benötigen vor allem eines: Konstanz.

(Text: Nass; Foto: ©Weihs)